Peking/Schanghai - Plakate werben für Schanghais jüngste Erziehungsaktion mit einem Schüttelvers: "Shuiyi-Shuiku bu chumen - zuoge Shibo wenmingren". Der Reim, über den ganz China lacht, heißt übersetzt: "Pyjamajacke und -hose bleiben von nun an zu Haus, ein zivilisierter Expo-Bürger traut sich so nicht raus."

2010 wird Schanghai Gastgeber der Weltausstellung. Bis dahin sollen alle Bürger, die Schlafanzüge tragen, aus dem Straßenbild verbannt sein. So will es die Stadtverwaltung. Die Schanghaier müssen sich damit von der liebgewordenen Gewohnheit trennen, an lauen Sommerabenden nur in Baumwoll-Schlafanzügen und Pantoffeln über die Gassen zu schlurfen.

Die Pyjama-Kampagne entzückt andere Städte in China, die in den Augen der hochnäsigen Schanghaier doch immer nur "Provinztölpel" waren. Sichuaner und Hubeier Zeitungen zahlen es ihnen mit hämischen Berichten, Fotos und Karikaturen heim. "Keine Pyjama-Partys mehr", dichtete die Global Times. Die flauschigen karierten und buntgemusterten Schlafröcke sind das letzte sichtbare Überbleibsel aus Zeiten, als die Schanghaier noch wegen der Hitze ihre Bambusbetten auf die Bürgersteige herausstellten.

Heute, im Zeitalter des Massenverkehrs und in einer Metropole voller Wolkenkratzer, schläft niemand mehr auf der Straße.

Das Pyjama-Verbot auf Schanghais Gassen erinnert an Peking 2008, als sich wegen der Olympischen Spiele die im Sommer traditionell halb nackt herumlaufenden Hauptstädter Hemdchen überstreifen mussten. (erl, DER STANDARD - Printausgabe, 6. November 2009)