"Bin weit davon entfernt, mir den Filter vor die Linse zu hängen. Ganz im Gegenteil: Ich denke, dass die Falten das Leben sind". Michaela May zieht als Kommissarin die Handschuhe aus.

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"Endspiel" für die Kriminalhauptkommissare Jo Obermaier und Jürgen Tauber: Michaela May und Edgar Selge verlassen Sonntag die ARD-Serie "Polizeiruf 110". Doris Priesching erzählt sie von Falten, Quoten, Humbug.

STANDARD: Ihr Partner Edgar Selge hat beschlossen, mit dem "Polizeiruf" aufzuhören. Ihre Reaktion?

May: Ich war mit dieser Idee schon vor drei Jahren konfrontiert. Damals war aber noch geplant, mit einem anderen Partner weiterzumachen. In diesen drei Jahren haben wir aber so viele Preise und Lobeshymnen gekriegt, so dass wir sagten: Noch besser kann's eigentlich nicht werden. Es ist schön, vermisst zu werden. So ist jeder der 17 Filme für sich eine ganz besondere Perle. Wir haben uns immer auf neue Regisseure, Produzenten und Drehbücher eingelassen, so dass man eigentlich nicht wirklich von einer Reihe sprechen kann.

STANDARD: Wie war die Stimmung am Set beim letzten Film?

May: Eigentlich war es erstmal wie immer. Wir haben nicht vor jeder Szene gesagt: Oh Gott, das ist das letzte Mal! Trotzdem kamen mir einmal beim Drehen die Tränen. Andreas Kleinert, der Regisseur, sagte, ich solle jetzt aufhören, sonst müsse er gleich mitweinen. Ich hoffe nicht, dass es die letzte Arbeit war, weder mit dem Regisseur, noch mit Edgar.

STANDARD: Im letzten "Polizeiruf" beeindruckt der entblößende Blick auf die Figuren. Hatten Sie damit Probleme, so ungeschminkt fertig gezeigt zu werden?

May: Ich bin weit davon entfernt, mir den Filter vor die Linse zu hängen. Ganz im Gegenteil: Ich denke, dass die Falten das Leben sind.

STANDARD: Ohne ihn zu verraten: Haben Sie sich einen bestimmten Schluss gewünscht?

May: Wir haben über das Ende der Figuren gesprochen. Alle möglichen Ideen sind uns gekommen. Dieser Schluss hat uns beide überrascht. Ich finde ihn unglaublich melancholisch, weil er alles offen lässt.

STANDARD: Ihre Rollen reichen vom anspruchsvollen "Polizeiruf" bis zum federleichten "Bergdoktor". Wie suchen Sie aus?

May: Ich tanze auf einem Drahtseil und versuche auszubalancieren, weil ich zu allem Lust habe. Es muss eine Figur sein, die mir Spaß bringt, mich interessiert, die mir die Seele aufreißt. Oder ich entscheide mich für eine Rolle, weil mir das Land gut gefällt, in dem gedreht wird.

STANDARD:  Sie mögen Cornwall?

May: Ja, und ich hab' mich gefreut, mit Volker Lechtenbrink wieder zusammen zu spielen. Das sind alte Seilschaften, wo man sich freut, sich wieder zu sehen.

STANDARD: Reizt Sie eine Krimireihe mit Ihnen als Kommissarin?

May: Es gibt einen Entwurf, den ich sehr gelungen finde, dazu kann ich aber noch nichts sagen. Für eine neue Kommissarin muss aber erst eine Zeit verstreichen.

STANDARD: Sie sind seit mehr als vierzig Jahren bei Film und Fernsehen. Was hat sich geändert?

May: Der Spiegel, ob eine Geschichte gut oder schlecht war, wird nur noch nach Quoten ausgerichtet wird. Das halte ich für eine fatale Zensur. Wenn mir gesagt wird: "Gratulation, du hast gegen Frau Hörbiger gewonnen", dann frage ich mich, was das für ein Humbug ist. Es geht darum, den Marktanteil immer zu übertreffen, und dann kann man weitermachen. Da war man früher freier.

STANDARD: Frauen mit 40+ fehlen die Rollen, lautet ein Vorwurf in der Branche. Können Sie das nachvollziehen?

May: Ich dachte mit Ende vierzig: Jetzt werden die Rollenangebote dünner. Das war eine Zeit, in der man mit 40 schon als Großmutter zu alt war. Die junge Liebende war damals erst 17. Das hat sich dann wieder eingekriegt. In den letzten zehn Jahren gab es gute Frauenfiguren, die oberhalb der ersten Liebenden liegen. Ich bin sehr dankbar, dass sich das wieder gedreht hat.

STANDARD: Da kam Ihnen die Quote zugute?

May: Die Politik, die da betreiben wird, kann ich nicht durchschauen. Mit zunehmendem Alter kann ich jedenfalls nicht klagen: Die Rollen sind nicht weniger geworden.

STANDARD: Ihr Lieblingskrimi?

May: Dieter Pfaff und Hannelore Hoger. Sie ist die mit den meisten Kanten und für mich die interessanteste Figur. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.11.2009)