Zur Person:
Aviv Geffen (36) macht seit den 1990ern Popmusik und musste wegen seines Engagements für einen Dialog zwischen Israelis und Palästinensern auch schon mit kugelsicherer Weste auftreten - bedroht von beiden Seiten. Am Samstag, 7.11., spielt er in der Grazer Generalmusikdirektion, am Sonntag, 8.11., im Chelsea in Wien.

Foto: DER STANDARD

Colette Schmidt erzählte er von prominenten Familienmitgliedern und dem schlimmsten Tag seines Lebens.

Standard: Ihr Onkel, Moshe Dajan, war israelischer Verteidigungsminister. Sie waren einer der ersten Wehrdienstverweigerer Ihrer Heimat. Wie kam das in der Familie an?

Geffen: Ich habe die Kette der Tradition gebrochen. Moshe Dajan stand für das Macho-Israel schlechthin. Ich halte die Fahne derer hoch, die nicht an diese Macho-Gesellschaft und den Krieg, der immer mit Machismo verbunden ist, glauben. Ich erlaube meinen Fans, schwach zu sein, Gefühle zu zeigen, ich kämpfe für die Rechte von Schwulen und Lesben – das mögen nicht alle in Israel.

Standard: Ein anderer Onkel von Ihnen war der 2005 verstorbene, ehemalige Staatspräsident Ezer Weizman, ihr Vater ist der Dichter Jonathan Geffen ...

Geffen: Ja, ja, wir sind wie die Kennedys – nur eine arme Version davon. Ich habe viel von meiner eigenen Geschichte auf meinem neuen Album Aviv Geffen verarbeitet. Ich habe auf mein bisheriges Leben zurückgeschaut: Ich kannte lange Zeit keine Limits, nicht beim Alkohol, nicht bei Drogen. Ich machte schlimme Zeiten durch. Ich war eine Zeit lang ein Offline-Boy in einer Online-Welt.

Standard: Sie waren der letzte Mensch, der den israelischen Ministerpräsident Yitzhak Rabin auf der Bühne umarmte, bevor er am 4. November 1995 erschossen wurde. Wie oft denken Sie noch an diesen Tag zurück?

Geffen: Täglich. Es war der dramatischste Tag meines Lebens. Ich sah den Killer, ich hörte den Schuss, roch den Rauch und den Staub. Ich rannte danach davon, lebte ein paar Jahre in London und war ständig auf Tabletten. An diesem Tag wurde nicht nur Rabin umgebracht, sondern der Traum einer ganzen Generation in Israel. Wissen Sie, am 7. November, wenn ich in Graz spiele, würde ich normalerweise in Tel Aviv bei einer Trauerfreier für Rabin auftreten – vor einer halben Million Menschen. Aber ich kann heuer nicht dabei sein, weil ich eben auf Tournee bin.

Standard: Sie sagten, Sie seien nach Rabins Tod nach London weggelaufen. Leben Sie nicht noch immer dort?

Geffen: Ich lebe in Tel Aviv und London. Heuer war ich viel in London, weil ich mein Album promoten musste. Ich bin sehr glücklich, dass es Trevor Horn (arbeitete u.a. mit Paul McCartney, Simple Minds und Radiohead, Anm.) produziert hat. Es ist mein 15. Album und das erste, auf dem ich englisch singe.

Standard: Sie verurteilen jüdische Fundamentalisten genauso hart wie die Hamas ...

Geffen: Ja, da macht man sich nicht nur Freunde, das ist klar: Aber, dass Millionen junge Israelis, obwohl sie meine Haltung kennen, meine Lieder und Texte schätzen, ist für mich ein gutes Zeichen.

Standard: Einige Ihrer Vorfahren wurden in Auschwitz ermordet. Sie spielen zum ersten Mal in Deutschland und Österreich. In Wien am 8. November. Wissen Sie, dass in dieser Nacht 1938 hier die großen Pogrome gegen Juden wüteten?

Geffen: Um ehrlich zu sein, ich glaube, die Tatsache, dass ich als Jude an diesem Tag in Wien ein Konzert gebe, ist ein Zeichen. Es ist ein Zeichen dafür, dass in der Geschichte am Ende die Liebe, der Friede und die Geduld siegen.

(DER STANDARD/Printausgabe, 07./08.11.2009)