Nach gut einer halben Stunde Warten auf die Anmeldung zur Impfung gegen die Schweine- grippe kam Maria Brkic (links) im Gesundheitszentrum Wien-Mariahilf an die Reihe.

Foto: Matthias Cremer

Wien/Linz - "Grün 20. Wer hat bitte Grün 20. Nein, das ist Grün 19 - Sie setzen sich bitte noch in den Warteraum. Ja, heut wird's a bisserl länger dauern" - die Vorzimmerdame hat längst ihr Hoheitsgebiet verlassen und den Schreibtisch mit dem Wartebereich im ersten Stock des Forums Gesundheit der Oberösterreichischen Gebietskrankenkasse getauscht. Es ist noch früh am Morgen, doch es ist der Morgen des offiziellen Impfstarts gegen die Schweinegrippe.

Ab 7 Uhr wurde die Impfstraße in Linz freigegeben und sofort von Impfwilligen gestürmt. Gut eine Stunde später ist im Wartebereich kein Sitzplatz mehr frei - was Familie Forster aber egal ist. "Die Impfung ist notwendig und gut. Wir haben eine Verantwortung unserem Kind gegenüber" , streicht Katinka Forster ihrem vierjährigen Sohn Maximilian über den Kopf. Während die Familie Forster noch den Nachwuchs auf den unvermeidlichen Piekser einstimmt, hat in den vorderen Reihen bereits das Chaos überhand genommen.

Lange Spritztour

Auslöser dafür ist ein Mediziner, der mit einer gewissen Regelmäßigkeit vergisst, jenen Druckknopf zu bedienen, der die Warte-Nummern am Wanddisplay neu reiht. Erst als die Vorzimmerkraft ein beherztes "Sie müssen drücken, Herr Doktor" in die Ordination ruft und ein grantiges "die Akademiker können kan Knopf drücken" aus der Warteschlange nachhallt, ist die Technik im Griff. Der Ärger unter den Wartenden bleibt: "Das ist eine Organisation wie im Wald. Über dreizehn Minuten brauchen die für einmal Spritzen" , ist Gerd Bauer aus Linz wütend. Für einen Mitte-Fünfziger kein Grund, sich zu ärgern: "Eh kloar, dass heit Leit da sind. Was soll's, i bin Herzinfarkt-Patient und wü net wegen der Schweindl-Gripp de Potschn streckn."

Auch in der mehr als zwanzig Meter langen Warteschlange im 1. Stock des Gesundheitszentrums Wien-Mariahilf der Wiener Gebietskrankenkasse nervt die Warterei einige. Als eine Frau versucht, sich vorzudrängeln, kassiert sie von einem älteren Mann einen grimmigen Blick und einen Fingerzeig Richtung Gang-Ende. Maria Brkic wartet geduldig. "Ich arbeite im Hotelgewerbe und habe mit vielen Menschen zu tun. Ich finde wichtig, dass man sich impfen lässt" , sagt die 50-Jährige. Gut eine halbe Stunde lang steht sie in der Schlange, dann muss sie ein Formular ausfüllen und in Zimmer 127 abgeben - und wieder warten, bis sie aufgerufen wird.

Fläschchen mit rotem Schraubverschluss

In dem Raum mit je einem Arzt in zwei abgetrennten Kojen werden in einem Kühlschrank kleine Fläschchen mit roten Schraubverschlüssen aufbewahrt: Celvapan. Nach einer Initiallieferung von 520.000 Einheiten hat Österreich den Anspruch auf bis zu 30 Prozent der Wochenproduktion der Vakzine. Eine der Impf-Einheiten will auch Kerstin Gandler-Årmam ergattern. Sie lässt sich wegen ihres zehn Monate alten Kindes impfen. Etwaige Nebenwirkungen fürchtet sie nicht: "Die gibt es bei jedem Medikament. Die Gesundheit meines Kindes hat Vorrang."

Helena Ramsbacher ist mit ihren Söhnen - acht und 16 - hergekommen. Die beiden brächten stets "alle möglichen Krankheiten von der Schule nach Hause" , weshalb die Familie sich impfen lässt. Nicht nur der große Andrang - bis zum Abend wurde allein in den Einrichtungen der Wiener Gebietskrankenkasse mit 2750 Impfungen gerechnet - überrascht Ramsbacher. "Was mich wundert, ist, dass 90 Prozent der Leute hier Pensionisten sind" , sagt die 45-Jährige, sich am vollen Gang umsehend. "Die gehören gar nicht zu den Risikogruppen." Tatsächlich sind laut Experten vor allem junge Menschen am stärksten von Ansteckungen und schweren Krankheitsverläufen betroffen.

Trotzdem hat sich Montagfrüh auch Bundespräsident Heinz Fischer gegen Schweinegrippe impfen lassen. Sich anstellen musste er dabei nicht: Er wurde in der Präsidentschaftskanzlei gepiekst.

In Graz war die Impfaktion an einem Standort auch schnell vorbei: Nach einem Banküberfall in der Innenstadt wurde der flüchtige Täter ausgerechnet in jenem Magistratsgebäude, wo geimpft wurde, vermutet. Das Haus wurde gesperrt. (Gudrun Springer, Markus Rohrhofer/DER STANDARD-Printausgabe, 10.11.2009)