Am Rande der Feiern in Berlin wollten die Staats- und Regierungschefs über die Besetzung derEU-Spitzenjobs beraten. Die Liste der Kandidaten wird immer länger, die Geheimniskrämerei umso größer. Ende der Woche sollte Klarheit bestehen.

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Wissenschaftsminister Johannes Hahn machte am Montag eine weite Reise, um vor Ort herauszufinden, in welchem Job er in den nächsten fünf Jahren tätig sein wird. Vergebens. Die Vergabe der Posten wird strikt vertraulich behandelt, nur allerhöchsten Politikern in Europa vorbehalten. Offiziell gibt's gar nichts.

Also auch nicht für den als EU-Kommissar nominierten Neuzugang aus Österreich, den Kommissionspräsident José Manuel Barroso Montagfrüh empfing. Er unterhielt sich mit ihm angeregt über die Abläufe der kommenden Wochen, das EU-Parlament, Diverses. Aber das große "Personalpaket" , über das bei einem außerordentlichen EU-Gipfel entschieden werden muss, blieb tabu.

Belgische Premier als Ratspräsident so gut wie fix

Informell sprachen die Regierungsvertreter der 27 darüber am Abend am Rande der Mauer-Feierlichkeiten in Berlin - im Zweiergespräch, in kleinen Gruppen. Österreich war durch Kanzler Werner Faymann vertreten, der seinerseits für Europas Sozialdemokraten mitsondierte. Unter der Hand war aus der Riege der EU-Granden zu erfahren, dass der belgische Premier Herman Van Rompuy als ständiger Ratspräsident so gut wie fix sei. Er habe sich als der Konsenskandidat herauskristallisiert und im Gegensatz zum niederländischen Ministerpräsidenten Jan Peter Balkenende in seiner kurzen Amtszeit noch "nicht viel Gelegenheit gehabt, jemanden zu beleidigen", wie es ein EU-Diplomat ausdrückte. Dennoch lasse, wie niederländische Medien berichten, Balkenende regelrecht Lobbying für seine Person betreiben. Der polnische Botschafter Jan Tombinski bestätigte das.

Britin Ashton für Außenministerposten im Rennen

Nach der Absage des britischen Außenministers und Favoriten David Miliband - der Standard berichtete exklusiv - kam indes große Unruhe in die bisherigen Kalküle der Regierungen. Denn Miliband war einer der ganz wenigen wirklich hochkarätigen Kandidaten von Europas Sozialdemokraten, die den Posten einfordern. Premierminister Gordon Brown könnte anstatt Miliband die EU-Außenhandelskommissarin Catherine Baroness Ashton schicken, die im Jahr 2008 den späteren Wirtschaftsminister Peter Mandelson in Brüssel abgelöst hat.

Die SPE-Kuriere sollen das so vereinbart haben, nicht zuletzt, damit der EU-Außenminister aus einem großen EU-Land komme, das gleichzeitig der Nato angehöre. An Ashtons Kandidatur gibt es aber Zweifel: Sie war noch nie Ministerin, bisher nur Staatssekretärin für Bildung, später Speaker im Parlament. Aber auch Mandelson selbst kommt wieder ins Spiel. Brown, hieß es in Berlin, wolle jedenfalls noch zuwarten, bis sein Vorgänger Tony Blair auf den EU-Ratsjob verzichte.

Laut dem geschäftsführenden Fraktionschef der SP im EU-Parlament, Hannes Swoboda, ist "das Spiel offen". Auch Ex-Kanzler Alfred Gusenbauer (SP) habe eine geringe Chance. Kein Zufall daher, dass Außenminister Franco Frattini indirekt bereits das Amt für Italien reklamierte, indem er dem früheren Ministerpräsidenten, den Ex-Kommunisten Massimo d'Alema, "beste Chancen" attestierte.

Eine vierte Variante im EU-Außenministerspiel ist laut SPE-Kreisen der "griechische Weg" : Athen hat noch keinen Kommissarskandidaten bestellt und könnte im Notfall eine Kandidatin für den Außenminister namhaft machen.

Auch Ex-VP-Kanzler Wolfgang Schüssel wird weiter für den ranghöchsten EU-Posten als Ratschef genannt, der den Christdemokraten zufällt. Gegen ihn und Gusenbauer spricht, dass sie aus einem neutralen Land kommen. Für sie, dass sie aus Zentraleuropa sind.

So hat sich ein Personalspiel entwickelt, in dem es viele Favoriten gibt, aber keine Klarheit, wer es wirklich wird. "Die eigentlichen Favoriten sind jene Kandidaten, die gar keine Kandidaten sind" , sagte Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn. Die schwedische EU-Ratspräsidentschaft hatte bis Montagabend noch immer nicht entschieden, wie es weitergeht: Von einem Nominierungsgipfel am Donnerstag oder erst nächste Woche war die Rede. (Thomas Mayer aus Brüssel/Christoph Prantner aus Berlin, DER STANDARD, Printausgabe, 10.11.2009)