Rovena Agolli, In all meinen Träumen ist es niemals so wie es scheint, 2002

Foto: Rovena Agolli

Insights: Vor zwanzig Jahren fiel die Berliner Mauer. Erinnern Sie sich an diesen Tag?

Bojana Pejić: Natürlich. Ich war damals in Norwegen und habe an dem Tag aus irgendeinem Grund in Berlin angerufen.
Da erfuhr ich, dass die Mauer fällt.

Insights: Und?

Pejić: Natürlich habe ich das als wichtiges Ereignis wahrgenommen, auch wenn wir die Existenz der Berliner Mauer im sozialistischen Jugoslawien nicht so gespürt haben. Wir haben gehofft, dass dieses Ereignis keine so großen Auswirkungen auf unser Land haben würde. Irrtum. Zwei Jahre später haben die Balkankriege begonnen.

Insights: Haben die Künstler die Auswirkungen von 1989 unmittelbar gespürt?

Pejić: Zu behaupten, es gäbe unmittelbare Konsequenzen, ist mir zu naiv. November ‘89 ist ein symbolisches Datum, das die sogenannte „Wende" markiert. Im Dezember gab es die rumänische Revolution, im Zuge derer Ceauşescu
umgebracht wurde. Für Bulgarien war 1990 wichtiger, für Jugoslawien 1991. Auch der Sturz der Lenin-Statuen passierte erst in den Jahren nach 1989. Die Menschen hatten andere Prioritäten. Wichtiger war, dass sich die Künstler Themen widmen konnten, die vorher aufgrund von Zensur oder Selbstzensur tabu waren.

Insights: Zum Beispiel?

Pejić: Häusliche Gewalt etwa ist in sozialistischen Ländern nie thematisiert worden. In meiner Recherche für „Gender Check" habe ich nur zwei Werke gefunden, die sich mit Patriarchat im häuslichen Bereich auseinandersetzen. Oder die Rechte von Homosexuellen, ein bis heute aktuelles Thema. Mitte der Neunzigerjahre forderten Schwule und Lesben erstmals Rechte. Auch wenn die gesetzlich festgeschrieben waren, gab es und gibt es in den postsozialistischen Ländern eine starke Homophobie. Ein anderes Thema, das Mitte der Neunzigerjahre aufkam, ist Migration. Das Überthema ist die Demokratie. Sobald es Demokratie gibt, kann man auf die Straße gehen und streiken, aber auch Prostitution und Menschenhandel organisieren.

Insights: Lässt sich auch sagen, an welchen Themen speziell Künstlerinnen interessiert waren?

Pejić: Für osteuropäische Künstlerinnen war die Abtreibung ein großes Thema. Eines der ersten Gesetze der
sozialistischen Zeit, das die Parlamente abschaffen wollten, war ausgerechnet das Abtreibungsgesetz. In Polen ist
Abtreibung seit 1993 verboten.

Insights: Und wie wollen Sie diese gesellschaftspolitischen Themen in der Ausstellung aufarbeiten?

Pejić: Das Ziel unseres Projektes ist eine retrospektive Lesart der sozialistische Ära. Und zwar durch eine Analyse
der Art und Weise, wie die Geschlechterrollen konstruiert wurden - sowohl in der offiziellen als auch der nichtoffiziellen
Kunst. Das soll keine soziologische Untersuchung werden. Die feministische Theorie wurde zwar in einigen akademischen Zirkeln Osteuropas rezipiert, es waren aber vor allem auch Künstlerinnen, die deren Ideen aufgegriffen
haben. Wir sind also nicht weit von der Kunst entfernt, wenn wir über ein Thema wie Abtreibung sprechen.

Insights: Der Kommunismus hat die Gleichheit der Geschlechter gefordert. Hat das funktioniert?

Pejić: Für mich schon. Ich hatte dasselbe Gehalt wie mein männlicher Kollege. Und war auch bei Bewerbungen
für einen Arbeitsplatz den Männern gleichgestellt. Die Ungleichheit begann woanders. Frauen hatten im Sozialismus
mehrere Lasten zu tragen. Sie hatten einen Beruf und, wenn sie nachhause kamen, einen zweiten Job: Kochen, Waschen, Familie. Und wenn sie am politischen Leben teilnehmen wollten, kam eine dritte Last dazu.

Insights: War Feminismus eigentlich etwas Westliches?

Pejić: Das Verhältnis zwischen Staatssozialismus und Frauenbewegung war eine Liaison dangereuse. Die offiziellen
Frauenorganisationen haben gesagt: Wir brauchen keine feministischen Ideen aus dem Westen, wo es eine
Ungleichheit zwischen Männern und Frauen gibt. Wir haben das Problem schon in der Oktoberrevolution gelöst - ein echt fieses Argument. Denn tatsächlich gab es sehr früh ein Wahlrecht für Frauen. Dennoch gab es in Jugoslawien Frauengruppen, die die patriarchalen Aspekte des Sozialismus hinterfragt haben. Wie ist die Arbeit im privaten Bereich aufgeteilt? Wer bedient die Waschmaschine? Sie hatten mit Angriffen der Kommunistischen Partei zu rechnen. Der Vorwurf war, sie würden westliche Ideen importieren.

Insights: Wir erlebten im letzten Jahrzehnt eine Globalisierung der zeitgenössischen Kunst. Hat das Label „osteuropäisch" noch eine Berechtigung?

Pejić: Es gibt tatsächlich viele osteuropäische KunsthistorikerInnen, die fragen: Warum immer noch „Osteuropa"? Meine Begründung ist folgende: Wenn Sie ein amerikanisches Buch über Feminismus und Kunst lesen, werden Sie dort in erster Linie Artikel amerikanischer Kunsthistorikerinnen finden, die über amerikanische KünstlerInnen schreiben. Natürlich, denn die kennen sie am besten. Warum sollten nicht auch wir uns mit dem beschäftigen, was bei uns war und worüber wir am besten Bescheid wissen? Wir blicken noch immer vor allem auf die westliche Avantgarde und Geschichte. Und vergessen darüber, was wir tun. Eine tschechische Kunsthistorikerin hat keine Ahnung, was eine bulgarische Theoretikerin schreibt. „Gender Check" soll zeigen, was wir gemeinsam haben. (Matthias Dusini, DER STANDARD)