Miguel Calderon, Artificial History Series #3, 1995

Foto: Miguel Calderon

Die Realität, mit der Gegenwartskünstler in Mexiko heute konfrontiert sind, erinnert an die Situation vor 15 Jahren. Damals taumelte das Land unkontrolliert in eine schwere wirtschaftliche und soziale Krise. Die Abwertung des mexikanischen Peso um unvorstellbare 50 Prozent innerhalb weniger Tage, die politisch kaum abgefederte, wirtschaftsliberal motivierte Öffnung des Landes durch den Beitritt zur Nordamerikanischen Freihandelszone (Nafta) und der dadurch ausgelöste Bürgerkrieg mit der Zapatistischen Nationalen Befreiungsarmee in Chiapas führten nicht nur zu einer Kriminalitätswelle, sondern stellten auch das gewohnte Kulturleben in Mexiko infrage.

Kunstinstitutionen wurden die ohnehin bescheidenen Budgets gestrichen oder gleich privatisiert. Galerien, die in den Jahren zuvor noch mit Frida-Kahlo- Epigonen und überteuerten Malern des Magischen Realismus wie Julio Galán gute Geschäfte gemacht hatten, sahen sich frustrierten Sammlern gegenüber, die ob des Preisverfalls durch die Abwertung
keine Kunst mehr kaufen wollten. Selbst private Stiftungen wie das Centro Cultural de Arte Contemporáneo des Medienkonzerns Televisa mit einer der wichtigsten Kunstsammlungen Lateinamerikas nahmen - neben Familienstreit - die Krise zum Anlass, sich endgültig aufzulösen.

Dennoch lamentierten die krisengewohnten mexikanischen Künstler und Kuratoren nicht lange herum. Nachdem sie sich auf institutionelle Unterstützung oder auch die des lokalen Marktes nicht mehr verlassen konnten, gründeten sie eine Reihe von Kunstvereinen wie etwa Temistocles 44, La Panaderia, Art Deposit oder auch Art&Idea, um dort ohne kommerziellen Hintergedanken Ausstellungen zu entwickeln, Diskussionsreihen zu initiieren oder einfach nur mit Gleichgesinnten zu feiern.

Selbst in privaten Ateliers und Wohnungen konnte man plötzlich viel interessantere Ausstellungen besichtigen als in den geschwächten und von konservativen Bürokraten dominierten staatlichen Ausstellungshäusern wie dem Museo de Arte Moderno. All diesen Initiativen war gemein, dass sie den Fokus auf „unverkäufliche" Konzeptkunst und performative Arbeiten legten und damit einen Bruch mit den alteingesessenen Malern des Neo-Mexikanismus, ihren Sammlern und Galerien vollzogen. Gleichzeitig forcierten die Akteure einen sehr starken Austausch mit nordamerikanischen und europäischen Künstlern und Kuratorenkollegen, verstärkt durch die Präsenz ausländischer Künstler wie Francis Alÿs oder Melanie Smith, aber auch die wirtschafts- und kulturpolitische Öffnung Richtung Norden (Nafta) und der Europäischen Union (Freihandelsabkommen).

Das Fehlen finanzieller Mittel wurde mit der Selbstausbeutung aller Beteiligten und viel Enthusiasmus kompensiert. Falsche Romantik konnte ob des tatsächlichen Hungerns von Künstlern wie Santiago Sierra und Teresa Margolles sicher nicht aufkommen. Als Übervater für viele dieser neuen Generation mexikanischer Künstler diente nicht mehr ein längst verstorbener Muralist wie José Clemente Orozco, sondern der gleichnamige Konzeptkünstler Gabriel Orozco, der mit seiner minimalistisch-poetischen Objekt- und Fotokunst unterstützt von Kuratoren wie Benjamin Buchloh international Furore machte.

Es sollten noch mehrere Jahre nach der dramatischen Krise von 1994 vergehen, bis sich Galerien von der traditionellen Repräsentationskunst eines Magischen Realismus lösten, ihre Programme konsequent für mexikanische und internationale Konzeptkunst öffneten, diese auf internationalen Kunstmessen zeigten oder Ausstellungen von Gegenwartskunst „made in Mexico" stärker noch als Frida-Kahlo-Schauen förderten. In der Zwischenzeit hatten internationale Kuratoren und Kunsthändler von Biesenbach bis Bonami, von Andrea Rosen bis Lisson unter dem Eindruck eines um die Jahrtausendwende forcierten Diskurses um nationale Identitäten und der Debatte um Zentrum und Peripherie Mexiko für sich entdeckt. Aus einer marginalisierten, aber offenen Kunstszene wurde über wenige Jahre eine viel gehypte Künstlerund Kuratorengruppe mit Proponenten wie Cuauthémoc Medina, Eduardo Abaroa, Miguel Calderón, aber auch neuen Galeristen wie Kurimanzutto und Sammlern wie Eugenio López von der Collección Jumex.

Aus einer improvisierenden, nichtkommerziellen lokalen Kunstwelt wurde binnen kürzester Zeit eine hochprofessionelle, von kommerziellen Interessen beeinflusste, international vernetzte Szene. Mit Großausstellungen wie „Mexico City" in New York sowie der massiven Präsenz von in Mexiko lebenden Künstlern auf der 51. Biennale in Venedig 2003 war ein Höhepunkt dieser Entwicklung erreicht. Die Karawane der „Miles&More"-Kuratoren ist zwar in der Zwischenzeit wieder weitergezogen, nach China, Indien und Saudi-Arabien, doch die Künstler der nach der Krise von 1994 großgewordenen Generation um Daniel Guzmán, Dr. Lakra, Pablo Vargas Lugo, Abraham Cruzvillegas, Minerva Cuevas und andere schaffen weiterhin konzeptuell und formal stringente Arbeiten, die die politischen, sozialen und persönlichen Realitäten einer Megalopole wie Mexiko City zum Inhalt haben.

Werke etwa von Teresa Margolles wirken im Kontext einer globaler werdenden Kunstwelt auch heute radikaler und frischer als vieles, was aus dem euro-amerikanischen Zentrum kommt. Und nicht umsonst bereitet das Museum of Modern Art in New York soeben eine große Personale von Gabriel Orozco vor und eröffnet Damian Ortega die Herbstsaison in der Barbara Gladstone Gallery.

Also alles bestens und „Viva México"? Letzte Woche gestand Präsident Felipe Calderón ein, dass die Zahl der Menschen, die von weniger als zwei US-Dollar pro Tag in Mexiko leben müssen, unter seiner Regierung von 14 Millionen auf 20 Millionen stieg. Zur extremen Armut weiter Bevölkerungsgruppen kommt wieder ein „Krieg" hinzu. Diesmal nicht gegen die zapatistische Befreiungsarmee, sondern gegen Drogenbosse und Teile der von ihnen korrumpierten Exekutive. Die internationale Finanzkrise führte zwar nicht zur Abwertung des Peso, dafür zu einem drastischen Ölpreisverfall, der sich direkt auf die mexikanische Staatskasse auswirkt. Konsequenz: Das Kulturbudget wurde heuer um 80 Prozent gekürzt!

Galerien erleben Umsatzeinbrüche in ähnlichem Ausmaß. Viele Errungenschaften, die durch die Überwindung der letzten Krise erreicht worden sind, etwa die Professionalisierung und Internationalisierung der Kunstszene, werden trotz der äußerst prekären Situation wohl irreversibel sein. Ob das neuerliche wirtschaftspolitische Drama abermals eine kämpferische neue und erfolgreiche Generation von Künstlern, Kuratoren und alternativen Ausstellungsmöglichkeiten schaffen wird, bleibt abzuwarten. Auch in Mexiko gilt das Sprichwort: „Die Hoffnung stirbt zuletzt." (Robert Punkenhofer, DER STANDARD)