Wien/Graz - Thomas Mühlbacher, Grazer Oberstaatsanwalt und Chefermittler im Fall Kampusch, mahnt zur Geduld. Erst "in mehreren Wochen" werde man wissen, ob der deutsche Domain-Händler Thomas Vogel schlagkräftige Hinweise auf Mitwisser in dem Entführungsfall habe oder nicht.

Video aus Kampuschs Verlies im Internet

"Die deutschen Behörden haben bei Vogel und einem Freund mehrere Festplatten beschlagnahmt. Diese werden jetzt von Experten systematisch abgesucht, auch auf gelöschte Dateien hin", schildert Mühlbacher im Standard-Gespräch. Wie berichtet behauptet Vogel, dass er im Internet ein Video aus Kampuschs Verlies gefunden habe. Die junge Frau sei darauf schlafend und praktisch nackt zu sehen. Auch besitze er den Brief eines Freundes von Entführer Wolfgang Priklopil, aus dem hervorgehe, dass Kampusch freiwillig bei "ihrem Wolfi" geblieben sei.

Sechs Domains mit dem Namen Kampusch reserviert

All dies gibt Vogel auf einem Videofilm zum Besten, der im Internet abrufbar ist. Auf der Startseite der dazugehörigen Homepage ist ein Schreiben aus der Wiener Anwaltskanzlei Gabriel Lansky abgedruckt. Darin werden User auf "massive Rechtsverletzungen unserer Mandantin" in Vogels Domains hingewiesen. Die diesbezügliche Auseinandersetzung laufe schon seit Jahren, erklärt dies Kampuschanwalt Gerald Ganzger: "Vogel hatte sechs Domains mit dem Namen Kampusch reserviert. 2007 gab er sie auf, nachdem wir ihm 500 Euro Anmeldungskosten erstattet hatten."

Ungereimtheiten in Österreich

Chefermittler Mühlbacher schätzt die Deutschlandspur indes als "nur mittelmäßig interessant" ein. In den vergangenen Jahren hätten Polizisten "bereits mehrfach versucht, mit Vogel Kontakt aufzunehmen". Dieser habe jeweils zugesichert, die ihm vorliegenden Dokumente zur Verfügung zu stellen - um dann "einen Rückzieher zu machen". Laut Mühlbacher sind die derzeitigen Ermittlungen in Österreich "weit brisanter": "Hier gibt es Ungereimtheiten, die bisher nicht aufgeklärt werden konnten."

Rolle des Priklopil-Freundes ungeklärt

Ungeklärt ist etwa die Rolle des Priklopil-Freundes Ernst H. Dieser erschien am Dienstag bei einer Berufungsverhandlung gegen Kampuschs Vater Ludwig Koch nicht. Koch, der in erster Instanz wegen versuchter Nötigung H.s zu zwei Monaten bedingt verurteilt worden war, verließ das Grazer Oberlandesgericht mit einer rechtskräftigen 240-Euro-Geldstrafe. Am Rande des Prozesses der Mutter Kampuschs, Brigitta Sirny, gegen Martin Wabl hatte Koch H. abgepasst und ihm gegen die Brust gestoßen: "So, also, jetzt sprech ma." (Irene Brickner, Walter Müller, DER STANDARD Printausgabe, 11.11.2009)