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Tod durch Fremdverschulden evident, "Hacklerregelung" auf der Fahndungsliste, Alibi brüchig.

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In mehreren Kommentaren zu den Studentenprotesten hat Hans Rauscher die falsche Prioritätensetzung bei den öffentlichen Ausgaben kritisiert. Zugespitzt: die Unsummen, die die Regierung für die Hacklerregelung und andere Auswüchse eines reformresistenten Sozialstaats aufwendet, fehlen ihr bei der Hochschulfinanzierung. Das stimmt, allerdings hat Rauschers Argumentation eine generelle Schlagseite gegen den Sozialstaat. Ein Blick auf unterschiedliche Modelle zeigt aber, dass hohe Standards sozialer Sicherheit mit einer angemessenen Finanzierung der Bildung durchaus vereinbar sind. Nicht der Sozialstaat an sich steht einem Um- und Ausbau tertiärer Bildung im Wege, sondern eine bestimmte, in Österreich dominierende Variante.

Die in der vergleichenden Politikforschung einflussreichste Typologie sozialer Sicherungssysteme stammt vom dänischen Soziologen Gøsta Esping-Andersen. Er unterscheidet "liberale" (die angelsächsische Welt), "konservative" (die meisten Länder des europäischen Kontinents) und "universalistische" (die nordischen Länder Europas) "Wohlfahrtsregime". Das liberale Modell betont individuelle Verantwortung und betrachtet Sozialleistungen als Armenhilfe, die den Lebensstandard oberhalb der Respektabilitätsgrenze nicht sichern kann. Es vertraut darauf, dass soziale Wohlfahrt primär durch die unsichtbare Hand des Marktes hergestellt wird.

Die beiden anderen Modelle bieten einen stärkeren Schutz gegen die Risiken des Marktes, freilich auf sehr unterschiedliche Art. Das konservative Wohlfahrtsregime sichert Statuserhalt in Risikolagen. Anrechte auf Leistungen werden primär über Erwerbstätigkeit erworben. Das Niveau sozialstaatlicher Leistungen ist hoch, aber statusbezogen, daher ist die Umverteilungswirkung gering. Das universalistische Wohlfahrtsregime strebt eine vom Markteinkommen unabhängige Sicherung der gesamten Bevölkerung auf hohem Niveau an. Anrechte auf sozialstaatliche Leistungen werden großteils über den Bürgerstatus erworben. Hier ist die Umverteilungswirkung am größten.

Diese Wohlfahrtsregime unterscheiden sich auch hinsichtlich der für die Wissensgesellschaft maßgeblichen Merkmale ihrer Bildungs- und Innovationssysteme. Bildet man etwa für die drei Ländergruppen aggregierte Pisa-Werte, dann schneiden das universalistische und das liberale Regime besser ab, als das konservative. Bei der tertiären Bildung setzt sich dieses Muster fort: Die konservativen Länder haben niedrigere Partizipations- und Absolventenquoten, als die beiden anderen Gruppen. Die Dominanz der angelsächsischen Universitäten in der Forschung wird man auch dann schwer bestreiten können, wenn man globale Rankings nicht für bare Münze nimmt. Wenn man diese Rankings nicht nach dem Muster "The Winner Takes All" interpretiert, sondern auf größere Reputationscluster achtet, wird auch das gute Abschneiden der nordischen Länder deutlich. Insgesamt haben sie (bei etwa der dreifachen Bevölkerung Österreichs) beim Shanghai Ranking sieben Universitäten unter den Top 100 (Österreich: null), beim Times Ranking elf Universitäten unter den Top 200 (Österreich: eine).

Und schließlich - die Leistungsunterschiede fallen ja nicht vom Himmel - die Hochschulausgaben: sie sind bei den liberalen Ländern sehr hoch, vor allen in den USA (2,9 % des BIP) und Kanada (2,6 %). Auch die meisten nordischen Länder liegen deutlich über dem OECD-Schnitt (Dänemark und Finnland je 1,7 %). Die Ausgaben der konservativen Länder hingegen stagnieren um bzw. unter dem OECD-Durchschnittswert (Österreich: 1,3 %). Bei der Finanzierung springt zugleich der Unterschied zwischen der liberalen und der universalistischen Ländergruppe ins Auge: Erstere kombiniert durchschnittliche öffentliche Ausgaben mit hohen Studiengebühren. Letzterer erlaubt die hohe Steuerquote eine rein öffentliche Hochschulfinanzierung auf hohem Niveau.

Woher kommen die Schwierigkeiten der konservativen Wohlfahrtsstaaten, ihre Bildungs- und Innovationssysteme in Richtung Wissensgesellschaft umzustellen? Der Schlüssel liegt in ihrer statuserhaltenden Logik. Sie bieten Schutz vor Armutsrisiken, konservieren aber zugleich - stärker als die beiden anderen Modelle - historisch gewachsene Ungleichheiten in der sozialen Schichtung und der berufsständischen Gliederung. Bildung spielt dabei eine zentrale Rolle. Vor allem in den deutschsprachigen Ländern sind Schulen und Universitäten darauf ausgerichtet, der Bildungsschicht die Statusvererbung zu erleichtern. Auf der Sekundarebene halten wir an einer verfrühten Schultypendifferenzierung fest und auf der tertiären Ebene an Hochschulstrukturen, die nicht auf Massenpartizipation ausgelegt sind. Das Motto lautet: Schuster, bleib bei deinem Leisten (mit dem Zusatz: keine Angst, unser hohes sozialstaatliches Niveau sichert auch den bildungsfernen Schichten ein gutes Leben).

Mit dieser Philosophie sind wir in der Blüte des Industriesystems nicht schlecht gefahren. Doch die Umstellung auf die postindustrielle Wissensökonomie fällt uns schwerer, als den beiden anderen Wohlfahrtmodellen, in denen Bildung nicht in derselben Weise der Statusreproduktion dient. In den liberalen Ländern, weil der Markt vor Standesdünkel keinen Respekt kennt. In den universalistischen, weil Bildung stärker egalitär geprägt ist. Beide Modelle haben eine hohe Innovationsdynamik, die bei den liberalen Ländern freilich mit relativ hoher sozialer Ungleichheit einhergeht. Der konservative Wohlfahrtstypus hingegen kombiniert gute soziale Absicherung mit geringer Innovationskraft. Das drückt sich in den falschen Prioritätensetzungen aus, die Rauscher zu Recht kritisiert.

Wenn wir aus diesem Muster ausbrechen wollen, wird sowohl das konservative wie das sozialdemokratische Lager einige heilige Kühe schlachten müssen. (DER STANDARD-Printausgabe, 11.11.2009)