Montanarchäologen in einer bronzezeitlichen Grube bei Brixlegg in Tirol. Noch liegt vieles über die Gesellschaft der Bergbauregionen im Dunkeln.

Foto: SFB HiMAT

Mehr als 3000 Jahre alt ist der hölzerne Kasten, der kürzlich am Mitterberg gefunden wurde.

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Selbst "Ötzi", die Mumie aus den Ötztaler Alpen, hatte es vor mehr als 5000 Jahren dabei: Kupfer, nämlich in Form eines Beils. Kupfer ist das älteste vom Menschen bearbeitete Metall. Seine Gewinnung leitete tiefgreifende gesellschaftliche Umbrüche im prähistorischen Europa ein.

Besonders die Ostalpen zwischen Graubünden und der Obersteiermark waren über Jahrtausende vom Bergbau geprägt - schließlich fanden sich dort 80 Prozent aller Kupferlagerstätten Europas. Wie die Bodenschätze zu Tage gebracht wurden und wie sich der Bergbau auf die Lebensweise der Menschen, auf Migration, Besiedelung, Umwelt, Kultur und Handel der Region auswirkte, untersucht das auf zehn Jahre angelegte, disziplinen- und länderübergreifende Forschungsprojekt HiMAT der Universität Innsbruck.

Beachtlicher Fund

Auf dem Troiboden am Mitterberg in Salzburg, wo sich während der Bronzezeit das größte Kupfererzbergwerk Mitteleuropas befand, haben die Forscher nun einen beachtlichen Fund gemacht: Einen Holzkasten, der zur Erzaufbereitung verwendet wurde. "Wir haben ihn so vorgefunden, wie er in der Bronzezeit hinterlassen wurde", berichtet Thomas Stöllner von der Uni Bochum, der die Forschungen am Mitterberg leitet. "Der Kasten ist nicht nur vollständig erhalten, sondern enthält auch eine Menge an Details."

Es handelt sich dabei um eine Art Becken, das sich in der Aufbereitungslandschaft befunden hat, die parallel zum Bergwerk verlief. In dem Kasten, der aus der Zeit zwischen dem 14. und 12. Jahrhundert v. Chr. stammt, konnte offenbar fein gemahlenes Erz gewaschen, also mit Wasser vermischt und dann mithilfe eines Querbalkens, den nur leichtere Schwebstoffe überwanden, nach Gewicht getrennt werden.

"Die Methode ist raffiniert angelegt", kann Stöllner schon jetzt sagen. Weitere Analysen der Sedimentschichten innerhalb des Kastens sowie der Holzbalken sollen zeigen, "mit welchem technischen Aufbereitungswissen in der Bronzezeit gearbeitet wurde", also etwa, wie konzentriert die Erzschlämme waren und mit welchen handwerklichen Methoden gearbeitet wurde.

Der Fund ist ein weiteres Puzzleteil in dem noch unvollständigen Bild der Struktur und Organisation des Bergwerks am Mitterberg, das zu den größten, tiefsten und am besten erhaltenen der Urzeit gehört. In diesem frühen "Industriebetrieb" wurde bis zu 150 Meter unter Tage gearbeitet und in seiner Blütephase zwischen 16. und 9. Jh. v. Chr. bis zu 10.000 Tonnen Kupfer abgebaut - was die Verwaltung beträchtlicher Ressourcen mit sich brachte.

"Wir wissen viel zu wenig über die Gesellschaft in den Bergbaurevieren", sagt Klaus Oeggl vom Institut für Botanik der Universität Innsbruck. "Kamen zu Beginn des Erzabbaus Experten aus dem Ausland, oder begann die Bevölkerung selbst abzubauen? Wie wurden die Bergleute versorgt? Warum wurden Reviere am Ende der Bronzezeit aufgelassen und erst im Spätmittelalter wieder betrieben?"

Diese und viele andere offene Fragen soll HiMAT klären, ein breit vernetztes Forschungsprojekt, an dem neun Institute der Uni Innsbruck sowie vier Partnerinstitute aus Deutschland und der Schweiz beteiligt sind. Dabei schürfen Historiker, Ethnologen, Linguisten, Archäologen, Mineralogen, Botaniker, Geografen und Ingenieure gemeinsam an der Geschichte des Bergbaus, von der Prähistorie bis in die Neuzeit.

Erste Ergebnisse gibt es aus der Region Schwaz/Brixlegg in Tirol, dem europaweit führenden Montanrevier im Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit. Mit Vermessung per Laserscan, Pollenanalysen, die Auskunft über die Veränderungen der Vegetation geben, Knochen- und Holzanalysen sowie geochemischen Untersuchungen der Schwermetalle im Boden wird versucht, die Bergbau- und Siedlungsaktivität in Raum und Zeit zu rekonstruieren. "Wir wissen schon, dass es eine arbeitsteilige Gesellschaft gab und die Bergleute aus den Tallagen versorgt wurden", schildert Oeggl. "Es war ein großes Experiment."

Ziel ist es, eine Methode zu entwickeln, die es ermöglicht, Bergbau auch in der fernen Vergangenheit oder anderen Gebieten nachzuweisen - ohne nur auf archäologische Grabungen angewiesen zu sein. Darüber hinaus sollen die umfassenden Forschungen ein besseres Verständnis der Umwelt und Sozioökonomie des Alpenraums bringen - bis heute.

Die Geschichte des Bergbaus ist von 12. bis 15. November Thema einer internationalen Tagung in Innsbruck. Dabei stehen auch zwei Veranstaltungen für das nicht-fachliche Publikum offen. (Karin Krichmayr/DER STANDARD, Printausgabe, 11.11.2009)