Großer Andrang herrschte an der Universität Wien. Manche Stationen verschoben sogar die "Sperrstunde".

Foto: René van Bakel

Wissenschaftsvermittlung zum Angreifen erlebten die 366.000 Besucher an 570 Stationen in Dornbirn, Graz, Innsbruck, Krems/Tulln, Linz, Salzburg und Wien.

Foto: René van Bakel

"Jetzt sehen wir einen Vorgang im Nutella, der sich auch in der Natur beobachten lässt", kündigte die Mitarbeiterin der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik mit dramatischer Geste an. Und die etwa 20 Besucher, die sich anlässlich der Langen Nacht der Forschung dort eingefunden haben, konnten beobachten, wie die Wissenschafterin zwei Butterkeks-Erdplatten in einem Teller mit Nutella-Erdmasse auseinanderdriften ließ. Die Kinder waren begeistert und diskutierten bereits, wer die Erdplatten später essen dürfe. Die Erwachsenen waren amüsiert und erinnerten sich dank der anschaulichen Vorführung wieder daran, was eine Divergenzzone ist.

Genau das war das Ziel des vom Rat für Forschung und Technologieentwicklung und den Ministerien für Wissenschaft, Wirtschaft und Infrastruktur veranstalteten Events: den Besuchern verschiedenste Bereiche der Wissenschaft anschaulich näherzubringen.

"Warum hat der Wiener Bürgermeister nicht das theoretisch vorhergesagte Gewicht von 1,1 Kilogramm?", fragte eine Schautafel in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. "Hä?", dachte sich der vorbeikommende Nicht-Atomphysiker.

Und wurde vom Stationsbetreuer prompt in die Thematik eingeführt: "Wenn wir davon ausgehen, dass der Bürgermeister etwa 100 Kilogramm wiegt, können wir berechnen, dass er aus rund 9,1-mal 1027 Atomen besteht. Den größten Teil deren Masse machen die Atomkerne aus. Und die Gesamtmasse der Quarks, aus denen die Protonen und Neutronen im Atomkern bestehen, beträgt 1,098 Kilogramm." Woher kommen also die übrigen 98,902 Kilogramm? "Die restliche Masse rührt von den starken Wechselwirkungen zwischen den Quarks her." Wieder etwas gelernt. Das Wichtigste: Interessierte hatten die Möglichkeit, alles zu erfahren, was sie erfahren wollen.

Verlängerung und Zugabe

Zumindest meistens. Denn zahlreiche Stationen etwa an der Universität Wien wurden dermaßen belagert, dass man ohne Ellbogeneinsatz kaum eine Chance hatte, etwas zu sehen oder zu hören. Interesse an der Veranstaltung war demnach ausreichend vorhanden.

Gegen Mitternacht wurden jedenfalls Stimmen laut, die das Ende der Veranstaltung bedauern: "Es hätte noch so viel zu sehen gegeben." Da erbarmte sich das Vienna Open Lab und führte die letzten hoffnungsvollen Besucher noch bis halb eins in die Grundlagen der Laborarbeit ein. Und sorgte nebenbei dafür, dass sie auch etwas nach Hause mitnehmen konnten: selbst isolierte DNA aus der eigenen Mundschleimhaut.

Überrannt wurde auch die Fachhochschule Vorarlberg in ihrer ersten Langen Nacht der Forschung. Koordinator Hans-Jürgen Lofner war schon zwei Stunden nach Beginn "total überrascht" über das große Interesse. 300 bis 400 Besucher hatte er erwartet: "Wir hatten ja keine Erfahrungswerte, bisher war die Lange Nacht ja den Unis vorbehalten." Schließlich schauten über 1000 Menschen an zwölf Stationen in die Welt der Wissenschaft. Aus ganz unterschiedlichen Motiven: Herrn Bröll etwa, der pensionierte Elektroingenieur, "der das Alte zur Genüge kennt" interessierte das Neue, und er wurde nicht müde, die Mechatronik-Versuchsaufbauten als "gigantisch, gigantisch" zu loben.

Ganz andere Beweggründe hatte Klein-Paul, noch etwas wackelig auf den Beinen, einem Roboter durch die PPE-Station zu folgen. Nicht Forschungsdrang beflügelte den kleinen Mann, sondern die bunten Zuckerln, die von der schlauen Maschine durch den Raum transportiert wurden. Während Mama und Oma des Buben von Staubsauger-Robotern träumten, bewährten sich der Herr Papa und die große Schwester bei ferngesteuerten Müllautos als Experten für Prozess- und Produkt-Engineering. Es galt, auf dem kürzesten Weg den Müll einzusammeln.

Offen ab Sonnenuntergang

Es hat seine Vorteile, Kulturhauptstadt zu sein. Insbesondere, wenn sich nächtens Forschung massentauglich präsentiert. Man wusste bei der Langen Nacht der Forschung in Linz geschickt "Linz 09"-bedingt vorhandene Kulturlocations zu nutzen. Die Besucher dankten es mit einem neuen Rekord: 42.120 Interessierte belebten die Forschungsnacht.

Und wurden nicht enttäuscht. Zwölf Forschungseinrichtungen - unter anderem das Linzer AKH, die Voestalpine, das Ars Electronica Center - standen den Besuchern ab Sonnenuntergang offen. Besonders spannend waren neben den großen Namen aber die kleineren Forschungsschauplätze. Etwa das Linz-09-Projekt "Akustikon", das Besucher in die Welt des Hörens entführt. Im Rahmen der Forschungsnacht wurde das Hörspiel noch einmal verfeinert. Besonderes Gusto-Stückerl etwa der Vortrag des Wiener Historikers und Stadtforschers Peter Payer über die Geschichte des Hörens im 19. und 20. Jahrhundert. Fazit: Früher war nicht alles besser - zumindest akustisch.

Ausgelöst von Industrialisierung und Urbanisierung, lässt sich in Europa in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine deutlich erhöhte Aufmerksamkeit für die Problematik des Lärms feststellen. Medizinische Fachblätter und Tageszeitungen bringen ausführliche Berichte über die neuen akustischen Verhältnisse in den Großstädten. Nerven- und Ohrenärzte sehen sich mit den Auswirkungen der Lärmüberflutung konfrontiert. Besonderer Beliebtheit erfreuten sich beim Publikum die Beispiele lärmgeplagter Prominenz: Hugo von Hofmannsthal etwa ließ sich in sein Haus in Bad Aussee extra Doppeltüren einbauen, Theodor Lessing startete sogar eine "Anti-Lärm-Kampagne".

Mitunter lauter, aber nicht minder spannend ging es in der Nacht der Neugierigen im Ars Electronica Center zu: Mit seinen 16 mal neun Meter großen Wand- und Bodenprojektionen ermöglichte "Deep Space" 3-D-Expeditionen in Sphären, die mit dem freien Auge nicht sichtbar sind: von historischen Stätten über fantastische Orte bis an den Rand des bekannten Universums. (Natalie Bachl, Jutta Berger, Markus Rohrhofer/DER STANDARD, Printausgabe, 11.11.2009)