Der österreichische Wissenschafter Claus Tieber setzt auf neue Formen der Lehre.

Foto: Divjak

Seine Freizeit verbringt Claus Tieber, Theater- und Film- und Medienwissenschafter, gerne im Deli am Naschmarkt. Den Rest des Tages sitzt der Bollywood-Spezialist als Drittmittelangestellter der Uni Wien an seinem Schreibtisch zu Hause. Einen eigenen Arbeitsplatz an der Theaterwissenschaft hat er nicht. Kein Grund zu klagen, findet der 43-Jährige, der sich vergangenes Jahr habilitierte und seine Forschung zur narrativen Struktur im amerikanischen Featurefilm aus Leidenschaft betreibt.

Um sich nach dem Studium finanziell über Wasser zu halten, jobbte Tieber zuerst im journalistischen Bereich, bis eine Stelle als freier Mitarbeiter in der ORF-Fernsehfilmredaktion frei wurde. "Da habe ich die reale Welt kennengelernt und mir viele Fähigkeiten angeeignet", meint der Wissenschafter im Rückblick. Als sich die Frage stellte, zog Tieber die Wissenschaft vor.

Der Wissenschaftsfonds FWF finanzierte seine Habilitation über einen Zeitraum von drei Jahren. Tieber wurde gleichzeitig externer Lektor am Institut für Theaterwissenschaften der Uni Wien. Zuerst machte er es wie alle anderen: Er sprach zwei bis drei Stunden, dann ließ er referieren, bei zum Teil mehr als hundert Leuten eine kaum sinnvolle Vorgehensweise, wie der angehende Pädagoge schnell merkte. Didaktik-Weiterbildungskurse der Uni Wien und eigenes Engagement führten zu neuen Formen der Lehre: "Heute lasse ich zumeist Referate in Gruppen abhalten, für die es genauere Vorbesprechungen und mehr Feedback gibt, oder ich probiere Aufgabenstellungen im Hier und Jetzt aus - gleich in der Lehrveranstaltung."

Tieber lässt seine Bollywood-Forschungen in interdisziplinäre Lehrveranstaltungen einfließen. "Orientalismus und Okzidentalismus im Film" nennt sich ein Forschungsseminar in Zusammenarbeit mit Thomas Schmidinger vom Institut für Politikwissenschaft.

Daneben schreibt Tieber Artikel, in denen er seine Ergebnisse an eine breitere Öffentlichkeit kommuniziert. Im Wissenschaftsbetrieb sind dafür keine Punkte vorgesehen. Für die Wiener Kinder-Uni, die er bereits im dritten Jahr betreibt, schon gar nicht. Tieber erzählt mit Begeisterung, dass viele Kinder ansonsten wohl nie in ihrem Leben einen Stummfilm gesehen hätten. Ob er nächstes Jahr im Sommer wieder dabei sein wird, ist heute noch nicht sicher.

"Wenn sich bis März, dem Auslaufzeitpunkt meines zweiten Projekts, nichts ergibt, falle ich von einem vernünftigen, normalen Gehalt auf null. Wer habilitiert ist, hat nur die Wahl zwischen Professur oder Arbeitslosigkeit", beschreibt er seine Aussichten. Alternativen zu Professuren wie Laufbahnstellen oder Senior-Lecturer-Positionen mit vernünftigen Arbeitsbedingungen fehlen für die von Jahr zu Jahr wachsende Zahl an Dozenten. Häufig einziger Ausweg: kurzfristige Forschungsprojekte.

Durch Abänderung der Kettenvertragsregelung können Wissenschafter wie Tieber nun bis zu zehn Jahre Drittmittelangestellte der Uni Wien bleiben. "Gut für mich, möglicherweise schlecht in einem Gesamtzusammenhang gesehen. Exzellente Forscher bleiben so länger in unsicheren Positionen." Der zweifache Vater bastelt bereits an seinem nächsten Projektantrag. Viel kreativen Spielraum beim Antragstellen hätte er nicht, zu sehr wäre er eingespannt mit der Fertigstellung des laufenden Projekts. Große interdisziplinäre Projekte bleiben ohne sichere Basis ohnehin auf der Strecke. Und was, wenn das Projekt überhaupt abgelehnt wird? "Ich werde früher oder später ins Ausland gehen müssen." (Dagmar Weidinger/DER STANDARD, Printausgabe, 11.11.2009)