Nach dem Mauerfall hatte Helmut Kohl, der Kanzler der deutschen Einheit "schon bald wieder blühende Landschaften" versprochen. Die hohen Erwartungen wurden rasch enttäuscht. Nach gigantischer westdeutscher Aufbauhilfe in der Höhe von 1,3 Billionen (nicht Milliarden!) Euro stellte dieser Tage der führende deutsche Ökonom Hans-Werner Sinn nüchtern fest: "Die politische Vereinigung ist gelungen, die wirtschaftliche misslungen." Zwanzig Jahre nach der Wende sei die Ex-DDR vom West-Niveau weit entfernt - das Bruttoinlandsprodukt (BIP) je Einwohner stagniert bei nur 69 Prozent des West-Werts.

Die glänzenden Daten über den gesteigerten Lebensstandard und die Versorgung mit dauerhaften Konsumgütern können nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass es mindestens noch eine Generation dauern würde, um den Westen einzuholen. Noch enttäuschender ist der Vergleich, laut Sinn, zu anderen ehemaligen kommunistisch regierten Staaten. Slowenien erreiche 82 Prozent des westdeutschen Niveaus; Tschechien fast auch (beide ohne Westhilfe!).

Allerdings zeigen die jüngsten Berichte des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche, dass das allgemeine Ost-West Gefälle wieder größer wird. Erstmals wird die ganze Region durch die Finanzkrise möglicherweise um Jahre zurückgeworfen. Während die Regierungen in Ungarn und Tschechien unter Gordon Bajnai und Jan Fischer in den letzten Monaten die Finanzlage zum Teil stabilisiert haben und in diesem Vorhaben von den jeweiligen Notenbankchefs Andras Simor und Zdenek Tuma durch Zinsreduktionen unterstützt werden, befinden sich die drei baltischen Staaten mit einem Rückgang des Bruttoinlandsproduktes um fast ein Fünftel im freien Fall. Die postkommunistische Welt bietet also ein heterogenes Bild mit wenigen Lichtblicken.

Die fast unüberbrückbare Kluft zwischen dem vereinigten Deutschland und fast allen früheren Ostblockstaaten besteht aber nicht einmal in erster Linie bezüglich des sozialen Transfers als Grundlage des Wohlstands, sondern in der politischen Transformation. Im Gegensatz zum inneren Frieden und zum intensiven Prozess der Vergangenheitsbewältigung in Deutschland gibt es in allen postkommunistischen Staaten tiefe Verbitterung wegen der fehlenden juristischen und moralischen Aufarbeitung des bösen Erbes der braunen und roten Diktaturen. Statt Gerechtigkeit, auch durch die Öffnung der Geheimdienstakten, erlebt man vielfach die ungebrochene Macht und Prosperität der führenden Schichten des verhassten alten Regimes. Herausragende Autoren aus dem Osten, wie Herta Müller, Peter Nadas und Ilija Trojanow geißeln zu Recht dieser Tage die moralische Zerstörung, die Atmosphäre der blühenden Korruption, die fehlende Reinigung der Gesellschaft und die Verlogenheit der neuen Machthaber.

Der Übergang vom Plan zur Markt in den Reformländern verlief trotz den jüngsten Rückschlägen unvergleichlich besser als der Umgang mit der kommunistischen Vergangenheit und als die Verankerung der Pressefreiheit und des Rechtsstaates. Im scharfen Kontrast zu Deutschland schafft das Versagen der Vergangenheitsbewältigung einen günstigen Boden für populistische Demagogen und nationalistische Extremisten. (Paul Lendvai/DER STANDARD, Printausgabe, 12.11.2009)