Versuch der Erneuerung: Bei der 63. Landesversammlung der Wiener Grünen (im Bild die 62. in Floridsdorf) entscheiden neben Parteimitgliedern auch Sympathisanten mit.

Foto: Robert Newald, Der Standard

Wien - Königinnenmörder, sagt Michael Schober, wolle er keiner sein. Deshalb überlegt der 50-jährige IT-Spezialist auch noch, ob er am Sonntag bei der 63. Landesversammlung der Wiener Grünen tatsächlich gegen Maria Vassilakou antritt. Derzeit ist er neben der Grünen Klubchefin der einzige Listen-Kandidat, der sich für Platz 1 aufstellen ließ. "Ob ich wirklich für Platz 1 kandidiere, entscheide ich aber dann vor Ort", sagt er.

Kampf um die Plätze

Und das ist auch sein gutes Recht: Bei der Listenerstellung der Grünen für die Wien-Wahl 2010 kann quasi jeder Kandidat um jeden Platz kämpfen. Wer's in einer Runde nicht schafft, probiert's bei der nächsten. Oder erklärt gleich zu Beginn, dass er lieber an einem anderen Platz als ursprünglich geplant antreten will.

Die Wahllistenerstellung läuft bei den Grünen nämlich nach streng basisdemokratischen Regeln ab. Und deshalb musste sich Schober bisher auch nicht politisch engagieren, um gegen die Parteichefin anzutreten - er hat einfach einen Antrag eingesandt. Kommunalpolitik kenne er "nur auf User-Ebene", sagt Schober. Dass er sich Platz eins zutraut, sei "einfach ein Statement": "Man muss immer versuchen, erster zu werden. "

63 Kandidaten für 36 Plätze

Zwischen 800 und 1200 Menschen finden sich am Sonntag im Wiener Austria Center ein. 63 Kandidaten bewerben sich für 36 Plätze. Die ersten vier Plätze werden einzeln gewählt, ab Platz 5 dann blockweise. Neben Gemeinde- und Bezirkspolitiker stellen sich auch einige Quereinsteiger der Wahl - etwa Filmregisseur Peter Kern.

Quer eingestiegen ist zum Teil auch das Stimmvolk. Neben den Parteimitgliedern sind diesmal nämlich auch viele sogenannte Unterstützer dabei: 230 Sympathisanten, die einen Antrag stellten, wurden von den Grünen zur Vorwahl zugelassen. Dass sich diesmal so viele Nicht-Parteimitglieder wie nie zuvor für die grüne Listenerstellung interessieren, hat vor allem mit der Plattform gruenevorwahlen.at zu tun, die zur Einreichung von Unterstützungsanträgen aufrief.

Listenland

Allerdings wünschte sich Initiator Helge Fahrnberger wesentlich mehr Mitsprache als die Grünen letztlich gewährten: "Viele wählen die Grünen nur noch zähneknirschend" , sagt er, "die Grünen Vorwahlen haben diese negative Energie in positive umgewandelt. Anstatt diese zu nützen, wurde allerdings jeder zweite Unterstützungsantrag abgelehnt." Innerhalb der Grünen war die Initiative umstritten: Mäßig engagierte Greenhorns könnten, so die Befürchtung, erfahrene Kommunalpolitiker rauskicken.

Die Listenerstellung bei den Grünen sei "prinzipiell demokratischer" als bei den anderen Parteien, sagt Politikberater Thomas Hofer. "In einem Listenland wie Österreich ist ja sonst nicht klar, wie die Kandidaten auf die Liste kommen." Aber dennoch sei das grüne Modell nicht so demokratisch wie etwa bei den Primaries in den USA, bei denen sich die Wähler bei einer Partei registrieren lassen und dann ihren Kandidaten wählen.

Neo-Kandidat Schober rechnet jedenfalls nicht damit, am Sonntag die Parteispitze zu übernehmen. "Einen Sitz im Gemeinderat könnte ich mir aber schon vorstellen." (Bettina Fernsebner-Kokert, Martina Stemmer/DER STANDARD-Printausgabe, 12.11.2009)