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Im Fall eines Einbruchs rät Rudolf Morowetz vom Notfallspsychologischen Dienst: "Sich bemerkbar machen, aber den Einbrecher nicht in die Enge treiben."

Foto: APA/HELMUT FOHRINGER

Anna K. verlässt ihre Wohnung ungern. Wenn Bekannte zu Besuch kommen, öffnet sie die Tür nur auf ein vereinbartes Klopfzeichen. Der 31.12. des vergangenen Jahres hat die Welt der 86-Jährigen verändert: K. war auf der Bank gewesen um Geld für Besorgungen abzuheben. 500 Euro hatte die gehbehinderte Pensionistin in ihrer Tasche. Sie mühte sich gerade damit ab, eine Packung Schnittbrot auf einem hohen Regal im Supermarkt zu erreichen, als sich ein fremder Mann über sie beugte, nach dem Brot griff und es ihr herunterreichte. „Ich bedankte mich noch herzlich. Als ich meine Tasche aufhob, kam sie mir auf einmal so leicht vor", sagt Anna K. "Als ich hineinsah fehlte das Portemonnaie. Die Handtasche war seitlich aufgeschnitten worden." 500 Euro - weg. Behindertenausweis - weg. Familienfotos - weg.

Wie Frau K. ergeht es vielen: Laut Statistik des Bundeskriminalamtes steigt die Kriminalität in Österreich. Im Zeitraum Jänner bis September 2009 wurden bundesweit 441.767 Strafdelikte angezeigt. 422.291 waren es im selben Zeitraum des Vorjahres, also um 4,6 Prozent mehr als 2008. Viele Verbrechensopfer haben mit Ängsten kämpfen; mit Wut aber auch mit Schulden, die ihnen durch die Tat entstanden sind. Vereine wie der „Weiße Ring" oder der „Notfallspsychologische Dienst" übernehmen die Betreuung von Verbrechensopfern.

Sicherheitsgefühl erschüttert

1.340 Menschen hat der Weiße Ring im vergangenen Jahr betreut. Tendenz steigend. Etwa 20 Prozent der Klienten waren, wie Frau K., Opfer von Vermögensdelikten, sprich von Einbrüchen, Diebstählen oder Raubüberfällen. „Viele Opfer sind in ihrem Sicherheitsgefühl enorm erschüttert und es dauert mitunter sehr lange, bis sie das Trauma überwunden haben", sagt Marianne Gammer, Geschäftsführerin des Weißen Rings.

Wie auch bei Anna K.. Zwar wurden die Täter verhaftet, da K. sich erinnern konnte das ihr die selben drei Personen von der Bank zur Apotheke und schließlich in den Supermarkt gefolgt waren und somit auf dem Überwachungsvideo der Bank zu sehen waren, die Angst ist jedoch geblieben. „Was ist, wenn sie aus der Haft entlassen werden? Was ist, wenn sie sich an mir rächen wollen?", Anna K. geht nur noch selten vor die Tür. Sie sei sehr vorsichtig geworden, sagt sie.
Diese Gedanken seien unter Verbrechensopfern weit verbreitet, sagt Rudolf Morawetz vom Notfallpsychologischen Dienst. „Gegen das Gefühl der Unsicherheit kann man etwas tun, nämlich Hilfe in Anspruch nehmen", sagt er.

Verlust von Erinnerungsstücken

Morawetz weiß, wovon er spricht. Vor einigen Jahren wurde nachts in sein Haus eingebrochen. Während er, seine Frau und seine beiden kleinen Kinder schliefen. Der Psychologe kehrte scheinbar rasch zur Normalität zurück - immerhin war kein großer Schaden entstanden: „PC und Telefone waren weg, aber der Kollateralschaden war nahezu Null. Immerhin fehlten kaum persönliche Dinge." Damit hätten die meisten seiner Klienten Schwierigkeiten: mit dem Verlust von Erinnerungsstücken oder Gegenständen von persönlichem Wert.

Bald musste Morawetz jedoch feststellen, dass der Einbruch an seiner Familie nicht spurlos vorübergezogen war. Seine Frau fühlte sich unwohl, seine Tochter versteckte ihre Puppe, aus Angst, sie könnte gestohlen werden. „Es hat einige Monate gedauert, ehe wir wieder zur Normalität zurückgefunden haben." Morawetz hat letztendlich einen positiven Nutzen aus der Erfahrung gezogen: „Ich kenne jetzt beide Seiten und kann meine Klienten besser betreuen."

Schulden nach Diebstahl

Andere haben es schwerer, das Erlebte zu verdauen. „Besonders für Pensionisten kommt zur Angst auch häufig die Belastung durch den finanziellen Schaden hinzu. Etwa wenn Mindestpensionisten nach einem Diebstahl ihre Miete nicht mehr bezahlen können", erzählt Gammer. In solchen Fällen hilft der Weiße Ring mit finanzieller Unterstützung, übernimmt Gas-, Strom- oder fällige Mietrechnungen.

Wie Opfer eines Verbrechens letztendlich mit der Situation klar kommen und ihre Ängste überwinden, liege vor allem auch an den allgemeinen Lebensbedingungen der Betroffenen, an Freunden, Familie und dem sozialen Umfeld. „Nicht jeder braucht Unterstützung", sagt Gammer. Für viele sei es jedoch wichtig, Erlebtes zu besprechen. „Um gegen das Gefühl der Ohnmacht anzukämpfen und die eigene Handlungsfähigkeit zurück zu bekommen, ist es oft hilfreich, Maßnahmen zur Verbrechensvermeidung zu setzen", sagt Morowetz. „Zum Beispiel Alarmanlagen einzubauen oder Zeitschaltuhren an den Lichtschaltern zu installieren."

Angst allein daheim

Vor allem Einbruchsopfer fühlen sich oft in ihren eigenen vier Wänden nicht mehr wohl. „Unsere Aufgabe ist es, zu verhindern, dass Opfer nach einem Einbruch ihr Haus verkaufen", sagt Morowetz. Eine Vorgehensweise, die auch Gammer für wenig sinnvoll hält: „Damit wird die Angst nicht bewältigt, man nimmt sie mit."
Anna K. wäre am wohlsten, gäbe es eine „Neighbour Watch": „Unlängst wurde meine ältere Schwester überfallen. Sie hat den Angreifer mit ihrem Regenschirm in die Flucht geschlagen, aber geholfen hat ihr niemand." (bock, derStandard.at, 17.11.2009)