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Kleine Brötchen backen sie nicht. Schon ihr erstes Buch über gestaltete Nahrungsmittel war ein Brocken. Nun haben Sonja Stummerer und Martin Hablesreiter mit food design XL einen mehr als doppelt so umfangreichen (aber nur um ein Drittel teureren) Nachfolgeband produziert. Auf den ersten Blick fällt einem die Warnung des US-Food-Autors Michael Pollan ein: dass man nichts essen sollte, was Großmutter nicht kannte.

In dem Buch der beiden Architekten würde die Oma praktisch nichts kennen. Die Manipulation, Einfärbung, akustische Optimierung ("knallige Würstchen"), Verfremdung, ja die Erfindung ganzer Nahrungsmittelsegmente sind das Thema. Es wird sozusagen opulent abgehandelt, mit einer Art gleichmäßigen Interesses, das der Herstellung von Instant-Ramensuppe ebenso gilt wie einem Mini-Stonehenge aus lauter Marsriegeln. Den Autoren sind sie Anschauungs- und Rohmaterial für Meditationen über Design; das haben sie vor zwei Jahren in einer Ausstellung im Wiener Designforum überzeugend vermittelt.

Für food design XL holen sie weiter aus, erforschen Produktionsmethoden, vergleichen Formen und Essgewohnheiten, gehen zurück in der Geschichte der Produktion von Kunstessen. Sie lassen sie bei Mayonnaise (der Legende nach ab 1756) beginnen und vorläufig bei Heinz Blastin' Green Ketchup enden. Dazwischen tummeln sich die Höhen und Tiefen und die harmlosen Zwischentöne der Verführung zum Essen ohne Pause: von Carpaccio bis Currywurst, von Katzenzungen bis Cola light, und dazwischen ein Pez-Bonbon. Unter den zahlreichen Sponsoren des Buches finden sich die Food-Konzerne Unilever und Kraft, man erwartet daher auch keine kritische Abrechnung mit deren Produktions- und Marketing-Methoden.

Doch die Autoren (unter "honey & bunny productions" als interdisziplinäres Atelier aktiv) unterwandern nahrungspolitische Korrektheit mit einem so genauen und nahen Augenmerk auf Kunstnahrung, dass man allein davon schon satt wird - und zugleich mehr davon haben möchte. Was wohl der Sinn der Übung ist. (Michael Freund, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 14./15.11.20009)