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Österreichs Außenminister Michael Spindelegger mit der schwedischen Europaministerin Cecilia Malmström

Foto: AP/Wijngaert

In der Geschichte der Union haben wir zwar schon mehr als eine Präsidentin des Europäischen Parlaments gesehen, auch bedeutende, wenn man etwa an die Französin Simone Veil denkt. Aber es gab noch nie eine Präsidentin der EU-Kommission. Und auch keinen weiblichen Vorsitzenden am Europäischen Gerichtshof in Luxemburg beispielsweise. Jetzt geht es um zwei weitere, neue, noch größere Jobs: Ständiger Präsident des Europäischen Rates und EU-Außenminister.

Seit heute könnte alles plötzlich anders sein. Faszinierend auch, denn das Ganze kam nicht groß organisiert, schon gar nicht, weil Männer an der Macht plötzlich Einsicht gezeigt hätten, sondern eher als anschwellendes Konzert unerwarteter und unerhoffter Einzelereignisse. Der Reihe nach.

Bis vor zwei Wochen schien klar: Präsident wird ein Christdemokrat, sei es Herman Van Rompuy, Jan Peter Balkenende oder Jean-Claude Juncker, so wie sich die Europäische Volkspartei das ausgemacht hat, und aus einem kleinen Land. Und bei den Sozialdemokraten war klar: Entweder David Miliband oder Massimo d'Alema, zwei Vollprofis aus großen EU/Nato-Ländern.

Aber seit einigen Tagen war Insidern klar: Es funktioniert so nicht. Es gibt viele interne Widerstände, Widersprüche, Richtungskämpfe. Brown legte sich gegen Miliband quer, aus innenpolitischen Gründen, die Osteuropäer gegen d'Alema, viele gegen das deutsch-französische "Diktat" Rompuy, die bei Wahlen geschwächten Sozialdemokraten waren untereinander unschlüssig.

Vor dem Wochenende hat EU-Parlamentspräsident Jercy Buzek vorgetragen, dass man doch eine Frau in eine Spitzenposition bringen sollte. Er dachte, so wie Vaclav Havel auch, an Vaira Vike-Freiberga, parteilose Ex-Präsidentin von Lettland, immer eine standhafte Kämpferin für Freiheit und gegen den Stalinismus. Sie solle Europas "George Washington" werden, wie der Franzose Valery Giscard d'Estaing das Amt definierte, meinten die Osteuropäer nicht uneigennützig zur Baltin aus Kanada. Da und dort tauchte der Name Mary Robinson aus Irland auf. Aber sie ist lange aus dem Politikgeschäft.

So viele Frauen als Ex-Präsidenten und Ex-Premierministerin gibt es dann doch nicht in Europa. Aber es gäbe viele von Rang und Qualifikation einer Außenministerin, und da besonders bei den Christdemokraten.

Szenewechsel: In der heutigen Ausgabe der Financial Times starten die EU-Kommissarinnen Neelie Kroes und ihre ebenfalls scheidende Kollegin Margot Wallström gemeinsam mit der Vizepräsidentin des EU-Parlaments, Diana Wallis, eine Offensive: "It's time to move from words to deeds", schreiben sie. Taten statt Worte. Die Ernennung einer Frau würde Europa "reicher, repräsentativer machen und den Bürgern näher bringen".

Es gäbe viel zu wenige Frauen als Kandidaten auch die EU-Kommission. Letzteres ist besonders wahr: wenn es so weitergeht wie bisher, werden der neuen EU-Kommission nur drei bis vier Frauen angehören, statt bisher acht, von insgesamt 27.

Am Nachmittag tritt die schwedische Europaministerin Cecilia Malmström vor die Kameras. Ich kenne sie ein bisschen: Wenn es eine Frau gibt, die an das berühmt-berüchtigte "Idealbild" einer bestens ausgebildeten, vielsprachigen, emanzipierten und in der Sache fähigen Europäerin in der Politik gibt, dann gehört die liberale Frau Malmström sicherlich dazu. Sie ist Anfang 40, verheiratet, hat Zwillinge, ist in Schweden und Frankreich aufgewachsen, hat Politikwissenschaften studiert, an Unis geforscht und gelehrt, so auch in Stuttgart und Barcelona, spricht französisch, englisch, spanisch, schwedisch perfekt, deutsch und italienisch sehr gut, war sieben Jahre EU-Abgeordnete. Und ich kann sagen: Sie ist außerordentlich charmant und auch lustig.

Warum erwähne ich das? Weil das die ganze Geschichte und die entstandene Dynamik des Nominierungsverfahrens erklärt, auf das wir derzeit schauen. Frauen wie Malmström, Kroes, Wallström verkörpern ein Europa, das in den bisherigen Kandidatenvorschlägen kaum bis gar nicht zum Ausdruck kommt. Es ist vermutlich auch kein Zufall, dass eine Niederländerin und zwei Schwedinnen so unerschrocken vorangehen.

Malmström erklärte also öffentlich und ganz offen, das "es eine gute Sache wäre", wenn eine Frau einen der Spitzenposten erhielte, dafür gäbe es "mehrere gute und kompetente Frauen in Europa". Das ist eigentlich gegen Protokoll. Malmström ist EU-Ratsvorsitzende.

Auch das mit der Kompetenz stimmt. Sie selbst gehört dazu, gäbe eine sehr passable Außenministerin ab, ganz in der Tradition der (leider früh) verstorbenen Ana Lindh aus Schweden. Und auch Österreich müsste sich da nicht verstecken: Mit Ursula Plassnik und Benita Ferrero-Waldner stünden sogar zwei Ex-Außenministerinnen zur Verfügung.

Vielleicht ist das der Grund, warum Außenminister Michael Spindelegger am Montag gar nicht überrascht war von der jüngsten Entwicklung und nicht einmal ausschloss, dass die Staats- und Regierungschefs ihre Entscheidung am Donnerstag neuerlich ausschieben könnten, alles sei wieder offen. Spindelegger hätte jedenfalls mit einer Frau in einer Spitzenposition offenbar kein Problem: "Das wäre schön", antwortete er auf eine Journalistenfrage.

Der Mann weiß schließlich, wovon er spricht: Spindeleggers Ehefrau, eine Juristin, mit der er zwei Kinder hat, gehört selber in die Gruppe der erfolgreichen Europäerinnen. Sie arbeitete früher in Luxemburg am Rechnungshof als Kabinettschefin. Herr Spindelegger musste zweitweise die Kinder hüten und zwischen Wien und Luxemburg pendeln.