Wien - Einen "maßvollen Abschluss, der auf die Kaufkraft der Arbeitnehmer und die Lage der Betriebe Rücksicht nimmt", nannte Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner die Metaller-Kollektivvertragserhöhung um 1,45 Prozent (Ist) bzw. um 1,5 Prozent (Mindesttarif). Für Wifo-Ökonom Thomas Leoni liegt der am Montagabend erzielte Abschluss für die 170.000 Metallarbeiter und Industrieangestellten "im Bereich des Erwartbaren" und sei somit positiv für die Wirtschaft - wenngleich er die Betriebe je nach Geschäftsentwicklung sehr unterschiedlich belaste.

"Dieser Abschluss ist nicht unverdaulich", heißt es selbst in der Voestalpine, dem größten Arbeitgeber der Branche, die damit Industrie-Präsident Veit Sorger widerspricht, der sich Montagabend unzufrieden geäußert hatte.

Hart auf hart wird es in den nächsten Wochen bei den Verhandlungen über Arbeitszeitflexibilisierung gehen. Dem Tauziehen um den auf Arbeitnehmerseite befürchteten "Überstundenraub" können aber zumindest 550 Voestler in Linz relativ gelassen entgegen sehen. Sie arbeiten in Kokerei, Stromerzeugung und am Hochofen und bekommen allfällige Überstunden bereits jetzt zuschlagsfrei.

"Solidaritätsprämienmodell"

Der Grund: Das von den Sozialpartnern über den grünen Klee gelobte "Solidaritätsprämienmodell" , bei dem die Wochenarbeitszeit auf 32 Stunden reduziert und von Vier- auf Fünf-Schicht-Betrieb umgestellt wurde. Würden Überstunden anfallen, blieben die 5,5 bis zur 38,5-Stunden-Woche - wie bei allen Teilzeitkräften - jedenfalls ohne Aufschlag.

Das vom damaligen ÖGB-Chef Rudolf Hundstorfer ausverhandelte Modell entlastet nicht nur Schwerarbeiter am Hochofen, es schafft auch neue Jobs. Denn stellt die Voest im Gegenzug zur Arbeitszeitreduktion einen Lehrling oder Arbeitslosen ein, gleicht das Arbeitsmarktservice zwei Jahre lang einen Teil des Lohnverzichts aus. Danach sinkt das Einkommen (samt Zulagen) aliquot zur Arbeitszeit um zwölf Prozent. Bei den Jungen zahlt das AMS nichts zu, sie bleiben dauerhaft Teilzeitkräfte.

Dass dieses Modell auf alle Produktionseinheiten der VA Stahl GmbH in Linz ausgeweitet wird und mittelfristig auch Donawitz und bei Böhler auf 32-Stunden-Woche umstellen, steht laut einem Voest-Sprecher nicht fest.

Fix ist, dass im Stahlkonzern kein Stein auf dem anderen bleibt. Das vom Berater Booz Allen begleitete "Projekt Zukunft" mit 25 Lenkungsausschüssen empfiehlt in Linz eine Strukturreform, Einsparungen im Volumen von 300 Mio. Euro bis Ende 2012 wurden identifiziert. Weitere 150 Mio. Euro spart Böhler ein, 50 Bahnsysteme, Profile und Automotive. Wie viele der 60 Töchter der Division Stahl übrig bleiben, sei noch offen. Fix ist, dass 1200 bis 1500 Beschäftigte umgeschult oder "ganz ausgewechselt werden", weil ihre Qualifikation nicht mehr gefragt ist. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD, Printausgabe, 18.11.2009)