Wien - „Ich bin schuldig", schluchzt die Angeklagte. Doch mit ihrer Erzählung im Wiener Straflandesgericht stellt sie sich selbst eher als Opfer hin. Der Tod ihrer Kollegin in einem Massagesalon - das sei Notwehr gewesen.

Die heute 37-jährige Chinesin war 2000 nach Österreich gekommen. Zunächst verdiente sie sich als Kindermädchen den Lebensunterhalt, danach in einem Restaurant. 2008 sei dann ihr Freund nach Taiwan gegangen und sie sei sehr traurig gewesen. So traurig, dass sie nicht mehr in der Küche arbeiten wollte und in einen Massagesalon im 6. Bezirk wechselte.

Ich werde dich zurichten, dass du diese Arbeit nicht mehr machen kannst

In diesem Etablissement war sie nun die Jüngere - ihre 47-jährige Kollegin habe sich immer wieder beschwert, dass sie ihr die Stammkunden wegschnappe: „Sie war manchmal sehr laut zu mir."
So sei es auch am 14. April 2006 zu einem Streit gekommen. Eine Auseinandersetzung, die laut der Angeklagten eskaliert sei. „Sie war sehr aggressiv", sagt die Chinesin. Als ein Wäscheständer umfiel und sie die Handtücher aufheben wollte, habe ihre Kollegin einen Teller auf ihrem Kopf zerschlagen und sich dann mit einer Porzellanscherbe auf sie gestürzt. „Ich werde dich zurichten, dass du diese Arbeit nicht mehr machen kannst", soll die Ältere gedroht haben, während sie immer wieder zugestochen habe. Im Gesicht und auf der Brust wurde sie verletzt.

Einiges spricht gegen diese Darstellung

Dann seien sie im Kampf gegen einen Kasten gefallen, sie habe einen Schal zu fassen bekommen, ihrer Gegnerin um den Hals gewickelt und zugezogen. So die Version der Angeklagten.
Doch einiges spricht gegen diese Darstellung. Der Gerichtsmediziner Christian Reiter etwa fand keine Spuren einer Strangulierung durch einen Schal - die Tote sei vielmehr mit bloßen Händen erwürgt worden. Und dieser Vorgang habe „deutlich mehr als vier Minuten gedauert". Auch seien die Schnittwunden an den Händen des Opfers nicht durch Zustechen mit einer Scherbe erklärbar. Sie würden eher nach „typischen Abwehrverletzungen" aussehen.

Tatort eines Sexualverbrechens inszeniert

Dazu kommt, dass die Angeklagte später alle Spuren des Kampfes beseitigt, die Tote entkleidet und unter anderem mit Kondomen den Tatort eines Sexualverbrechens inszeniert hatte. Am nächsten Tag rief sie bei der Besitzerin des Massagesalons an, tat so, als würde sie nicht in das zugesperrte Etablissement hinein können - und „entdeckte" dann gemeinsam mit der Chefin die Leiche. Danach schlug sie überdies noch vor, die Tote anzuziehen und in einem Mistkübel verschwinden zu lassen. Die Angeklagte führte die Chefin sogar zu einem Container.

Doch die Wohnungsbesitzerin alarmierte die Polizei - und die mutmaßliche Täterin reiste bereits am nächsten Tag nach China aus. Als sie im März dieses Jahres wieder nach Österreich kam, wurde sie schließlich festgenommen.

Haftstrafe wegen fahrlässiger Tötung

Die Geschworenen sprachen die Chinesin von der Mordanklage frei und verhängten wegen Notwehrüberschreitung und fahrlässiger Tötung eine Haftstrafe von elf Monaten. Das Urteil ist nicht rechtskräftig. (Roman David-Freihsl, DER STANDARD Printausgabe 19.11.2009)