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Standard: Was hat Sie dazu bewogen, dieses Buch zu diesem Zeitpunkt zu schreiben?

Langman: Ich beschäftige mich seit mehreren Jahren mit Amokläufen an Schulen, habe mich aber bis September 2006 nicht dazu entschließen können, ein Buch zu schreiben. Zu diesem Zeitpunkt gab es eine Schießerei in Montreal, gefolgt von zwei oder drei anderen Anschlägen in den USA innerhalb kurzer Zeit. Da habe ich mich entschieden, meine Recherchen in ein Buch zu verpacken.

Standard: Kommt es häufig vor, dass es bei Amokläufen mehrere Täter gibt?

Langman: Die meisten Amokläufe werden von Einzeltätern verübt. Dennoch wurden zwei der Anschläge, über die ich in meinem Buch schreibe, von Täterpaaren begangen: die Anschläge in Jonesboro, Arkansas, und jener an der Columbine High School.

Standard: Wie kann man sich die Auswirkungen einer solchen Tat auf das soziale Umfeld vorstellen?

Langman: Die Anschläge haben in der Regel eine überwältigende Wirkung an den Schulen und Gemeinden, an denen sie auftreten. Viele Menschen werden Zeugen von Schießereien ihrer Freunde und Klassenkameraden. Viele andere sind nicht wirklich Zeugen der Morde, jedoch erleben sie Terrormomente und Panik und fühlen Schmerz durch das Geschehen und seine Folgen, von dem sie ja auch indirekt betroffen sind.

Standard: Sie schreiben, dass jugendliche Amokläufer psychisch schwer krank sind, und haben drei Täterprofile erstellt.

Langman: Ja. Es gibt die psychopathischen Täter, die narzisstisch und sadistisch sind. Sie leben für sich selbst und erleben ein Kraftgefühl durch die Macht, die sie über andere haben. Sie tendieren dazu, leicht wütend und aggressiv zu werden. Die psychotischen Täter leben nicht in der Realität, haben Halluzinationen und Wahnvorstellungen und hören Stimmen, die ihnen etwa befehlen, sich selbst oder andere zu töten. Bei diesen Täterprofilen ist das Elternhaus prinzipiell stabil. Nur die traumatisierten Täter kommen aus instabilen und gewalttätigen Familien, wo es auch meist eine kriminelle Vorgeschichte gibt.

Standard: Wie könnte man Amokläufe an Schulen verhindern?

Langman: Ich glaube nicht, dass Amokläufe an Schulen gänzlich verhindert werden können. Dennoch wurden bereits viele Anschläge verhindert, weil die Menschen auf Warnsignale für potenzielle Gewalt reagiert haben. Die effektivste Methode zur Vorbeugung ist, Lehrer und Schüler auf Warnzeichen für potenzielle Amokläufe hin zu trainieren. Sich auf das frühe Erkennen von möglichen Tätern zu konzentrieren ist effektiver, als Security-Personal oder Metalldetektoren einzusetzen.

Standard: Sie untersuchen dieses Phänomen seit mehr als einem Jahrzehnt. Was hat sich verändert?

Langman: Obwohl es auch in früheren Jahren in den USA immer wieder zu großen Schießereien kam, ist ihre Anzahl erst in den späten 90ern merklich angestiegen. Es ist schwierig, Muster zu beschreiben, weil kein Amoklauf dem anderen gleicht. Manche werden von elfjährigen Kindern begangen, andere von College-Schülern. Manche sind lang geplant, andere erscheinen wie aus einem Impuls heraus.

Standard: Inwieweit können Mobbing oder Computerspiele Auslöser für solche Taten sein?

Langman: Ich glaube, dass die Rolle der sozialen Faktoren wie Mobbing oder mediale Gewalt als Auslöser überspitzt dargestellt wird. Sie alleine erklären niemals einen Amoklauf. Verantwortung tragen die Medien aber insofern, als ein Amoklauf auch Vorbildwirkung haben kann. Das Internet macht es Gleichaltrigen weltweit möglich, alles über Amokläufe zu erfahren, und es ist nachweisbar, dass Amokläufer oft anderen Attentätern nachgeeifert haben. So war Seung Hui Cho in Virginia von Eric Harris, Dylan Klebold und deren Amoklauf in Columbine fasziniert.

Standard: Was ist Ihre Antwort auf die Frage, warum Schüler töten?

Langman: Mein Fazit ist, dass es keine Antwort gibt - die Antwort ändert sich mit den drei Gruppen von Amokläufern und deren verschiedenen Persönlichkeiten. Die Täter haben aber alle mit starken Aggressionen und Depressionen zu kämpfen und setzen voraus, dass sie in ihren Aktionen sterben. Die Gründe für ihre Wut variieren. (Nermin Ismail und Bath-Sahaw Baranow, DER STANDARD-Printausgabe, 18.11.2009)