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Constantini: "Vielleicht wollen wir zu viel, es kann sein, dass wir uns selbst überschätzen - aber ich nicht"

Foto: APA/ PESSENLEHNER

Wien - Österreichs Fußball-Teamchef Dietmar Constantini hat sich am Mittwoch während des Heimdebakels im Happel-Stadion gegen Spanien an einen seiner Vorgänger erinnert gefühlt. "Beim 1:5 nach einer Stunde habe ich kurz an Herbert Prohaska gedacht", gab der Tiroler zu. "Schneckerl" hatte am 27. März 1999 in Valencia ein historisches 0:9 gegen die Iberer kassiert und war danach zurückgetreten.

Angst um seinen Job bekam Constantini nach eigenen Angaben aber nicht. "Panik habe ich keine gehabt, aber ich habe geschaut, dass die Spieler hinten bleiben."

Der Trainer war am Tag nach dem Match bemüht, das Resultat zu relativieren. "Spanien hat mit uns das gleiche gemacht wie vier Tage vorher mit den Argentiniern, nur dass wir noch um einige Klassen darunter sind. Das war ein Spiel, wo man mit einem Mann weniger (Anm.: nach der Roten Karte für Yasin Pehlivan in der 27. Minute) keine Chance hat. Das einzige, was die Leistung abschwächt ist, dass wir gegen die beste Mannschaft der Welt gespielt haben." Die vielen individuellen Fehler seien auch auf die Qualität des Gegners zurückzuführen.

Mauern

Außerdem nannte der 54-Jährige mangelnde taktische Disziplin als einen Grund für die höchste Heimniederlage der ÖFB-Auswahl seit dem 1:5 gegen Deutschland am 2. Juni 1994. "Bei 1:4 hat der eine oder andere geglaubt, wir müssen noch das 4:4 machen", meinte der Coach, der seine Truppe an der Seitenlinie des öfteren wild gestikulierend zum Rückzug aufgefordert hatte.

Den unbändigen Offensivdrang einiger seiner Akteure erklärte Constantini mit einem gewissen Maß an mangelndem Realitätssinn. "Vielleicht wollen wir zu viel, es kann sein, dass wir uns selbst überschätzen - aber ich nicht", betonte der Nationaltrainer.

Kritik an Scharner

Auch Kapitän Paul Scharner zählte zu jenen Akteuren, die ihre Vorgaben nicht immer erfüllten. "Wenn du eine, zwei oder drei Positionen ausfüllen willst, geht das nicht", meinte Constantini mit Blick auf den Niederösterreicher. "Er ist wahrscheinlich der Spieler, mit dem ich am meisten rede, dass er seine Position ausfüllen soll."

Der Coach bezeichnete den Wigan-Legionär als "verrückten Teufel, aber positiven Typ. Seine Karriere hat sich so wie die von Stranzl oder Pogatetz entwickelt. Er hat aus seinen Möglichkeiten viel gemacht, aber manchmal denke ich mir, ich muss ihn begleiten". Ob Scharner der richtige Kapitän sei? "Das weiß ich nicht", lautete die Antwort von Constantini.

Vier Innenverteidiger

Zumindest in einem ist sich der Tiroler nach dem Lehrspiel sicher - ab sofort wird die Nationalmannschaft in der Viererkette mit vier Innenverteidigern und ohne auch in der Offensive präsente Außenspieler agieren. "Ich werde Anleihe bei Felix Magath nehmen, er spielt bei Schalke mit vier Innenverteidigern", kündigte Constantini an und gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass es keinen "Aufschrei" mehr gibt, wenn so wie Scharner gegen Frankreich ein zentraler Abwehrspieler rechts aufgeboten wird.

Vorrangiges Ziel sei die Stabilisierung der Abwehr, auch wenn man dafür in Kauf nimmt, dass die Offensivkraft beschnitten wird. "Das kann schon sein, aber ich bin der Meinung, dass diejenigen, die vor der Abwehr spielen, dadurch mehr Freiheiten haben." Dass es mit vier Innenverteidigern gegen Spanien anders ausgesehen hätte, wollte Constantini nicht behaupten. "Möglicherweise, aber das kann man nicht sagen", erklärte der 54-Jährige, der am Mittwoch auf die verletzten Emanuel Pogatetz, Sebastian Prödl und Franz Schiemer hatte verzichten müssen.

Ohne Garics und Fuchs?

Das Abgehen von klassischen Außenverteidigern könnte aber auch die Nicht-Berücksichtigung von György Garics und Christian Fuchs zur Folge haben. Garics sorgte zuletzt mit kritischen Anmerkungen zum Verzicht auf Andreas Ivanschitz und Martin Stranzl, zum schnellen Aufrücken von Youngsters in die A-Auswahl und zur Interpretation der Außenverteidiger-Rolle für Aufsehen.

"Er bringt sich dadurch selbst in eine Situation, in der er unter dem Strich besser spielen muss als die Jungen", sagte Constantini, verteidigte aber auch die durchwachsene Leistung des Atalanta-Legionärs gegen den Europameister. "Gegen Iniesta zu spielen, ist nicht das Einfachste." An andere Stelle meinte der Teamchef, es könne bei dem einen oder anderen Spieler "leicht sein, dass mir der Geduldsfaden reißt. Dann bin ich halt wieder drei Tage der Dodel".

Ivanschitz eventuell im März ein Thema

Andreas Ivanschitz könnte laut Constantini für das nächste Länderspiel am 3. März 2010 (Gegner noch offen) ein Thema sein. "Für Ivanschitz wäre es gegen Spanien nicht leicht gewesen. Er hätte die Rolle von Wallner hinter der Spitze gespielt. Aber eigentlich habe ich Wallner kastriert, weil er auch viel nach hinten machen musste."

Von seinem eingeschlagenen Weg will der Teamchef weiterhin nicht abgehen. "Auf der einen Seite werden die Jungen gefordert, dann setzt man sie ein und es wird ihnen zu Unrecht etwas vorgeworfen", betonte Constantini. Eine gute Generation sei im Entstehen, "aber vielleicht erlebt's ja erst der nächste Teamchef".

Seine Bilanz nach dem letzten Länderspiel des Jahres fiel dennoch überwiegend positiv aus. "Wir haben die Mannschaft radikal umgebaut. Vorher wurde auch nicht mehr gewonnen. Jetzt haben wir gegen zwei Top-Mannschaften verloren, aber Schlimmes ist nicht passiert." Die beste Leistung in seiner Amtszeit sei der Auftritt beim 0:1 in Serbien im Juni gewesen. Dass danach weitere Fortschritte ausblieben, ist für Constantini leicht erklärt. "Wenn wir uns nach jedem Spiel verbessern, sind wir bald Weltklasse. Auch Top-Teams haben immer wieder Rückschläge."

Windtner zurückhaltend

ÖFB-Präsident Leo Windtner hat nach dem 1:5-Debakel am Mittwoch gegen Spanien auf scharfe Kritik an der Nationalmannschaft verzichtet. "Wenn man so früh mit zehn Mann gegen den Europameister spielen muss, ist es keine Frage, dass man schlecht aussieht. Die Spanier haben vier Tage vorher die Argentinier an die Wand gespielt, man sollte also diese Niederlage nicht überbewerten", forderte der Oberösterreicher.

Die beiden jüngsten Partien gegen Frankreich und die Iberer hätten einiges an Erfahrung gebracht. "Nämlich die, dass wir weit weg von der Spitze sind. Ich würde aber nicht sagen, dass wir jetzt weiter von der Weltklasse entfernt sind als vor einem Jahr", meinte Windtner.

Dennoch unterstützt der ÖFB-Boss Teamchef Dietmar Constantini auf seinem Weg, vornehmlich auf junge Spieler zu setzen. "Die grundsätzliche Ausrichtung mit der jungen Welle stimmt. Das ist in der Öffentlichkeit gut aufgenommen worden, wie man am sensationellen Publikum gegen Spanien gesehen hat." Trotz der Abfuhr blieben im Happel-Stadion Pfiffe gegen die eigene Mannschaft aus, dafür schwappte einige Male die Welle durch die Arena.

In den bevorstehenden knapp zehn Monaten bis zum Auftakt der EM-Qualifikation gehe es darum, die Mannschaft so gut wie möglich auf den Ernstfall vorzubereiten. Außerdem wünscht sich Windtner, die Zusammenarbeit zwischen dem A-Team und der U21-Auswahl auf eine neue Ebene zu heben. "Tatsache ist, hier soll die Kommunikation verbessert werden, hier kann man mehr koordinieren", erklärte Windtner, ohne allerdings nähere Angaben zu diesem Thema zu machen. (APA/red)