"Migrantsein ist keine politische Kategorie", sagt Senol Akkilic.

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"Wäre es ein Mädchen geworden, würde sie Anatolia heißen", sagt Senol Akkilic und grinst, während er den neun Monate alten Anatol Ali mit Karottenbrei füttert. Bald wird der 44-Jährige nicht mehr so viel Zeit für seinen Sprössling haben: Akkilic tritt für die Grünen bei der Wien-Wahl an. Dass er mit dem Listenplatz zwölf ein sicheres Ticket in den Gemeinderat ergattert hat, überraschte ihn selbst. Viel Zeit, um den Schock seiner Wahl zu verdauen, hat er nicht: "Der Wahlkampf hat eigentlich schon begonnen."

Mit Jungen unterwegs

Senol Akkilic ist ein Basiswappler. Bis auf zwei Jahre im Favoritner Bezirksrat hat er wenig Parteierfahrung, dafür umso mehr Ahnung davon, worum sich die klassische Wahlkampfrede so dreht: Jugendarbeitslosigkeit, Kleinkriminalität, Rassismus. Als Beschäftigter beim Verein Wiener Jugendzentren spricht er nicht über Betroffene, sondern mit ihnen. Hoffnungslose Kids, die schon lange nicht mehr wissen, wie eine Schule oder ein AMS-Gebäude von innen aussehen, erklärt er nicht zu Opfern, sondern streicht ihre Vorzüge hervor: "Diese Jungen denken transnational. Es ist erstaunlich, wie sehr sie sich für Weltpolitik interessieren."

Auch im eigenen Haus hält Akkilic wenig von Monokultur. Sohn Anatol wächst zweisprachig auf. Mama spricht Deutsch, Baba spricht Türkisch. "Irgendwann wird er mich fragen, warum ich aus dem kurdischen Teil der Türkei nach Wien gekommen bin", sagt Akkilic. Auf eine Antwort wird das Kind nicht lange warten müssen. Von den Eltern, die für Kleider Bauer Hemden nähten, von Dersim/Tunceli, wo er aufgewachsen ist, und von seinen ersten Eindrücken in Wien, als er mit 13 Jahren hier ankam, wird Akkilic erzählen. Und er wird darin einen politischen Akt sehen.

Schöne Augen zählen nicht

Denn seine Kindheitserinnerungen sind für den nebenbei Studierenden alles andere als Privatsache: In den Geschichten der Gastarbeitergeneration, in deren wissenschaftlicher Aufarbeitung, sieht er eine Lösung für das, was landläufig "Integrationsproblem" genannt wird. "Senol, glaube nicht, dass die Wiener uns wegen unserer schönen Augen mögen", habe sein Vater damals gesagt, "sondern weil wir so gut arbeiten."

Die junge Generation, egal ob zugewandert oder hier geboren, müsse erfahren, warum und wie die Gastarbeiter ins Land gekommen sind, fordert Akkilic. Dann könne man beginnen, Gemeinsamkeiten zu finden - ohne in Ethnien, Mann und Frau, Jung und Alt einzuteilen. Denn "Migrantsein ist keine politische Kategorie".

Migrant ist nicht Migrant

Auch die Grünen - er selbst nimmt sich nicht aus - hätten das zu spät erkannt. Akkilic erinnert sich noch gut daran, wie er für einen austrotürkischen Verein bei den Grünen um Unterstützung anklopfte. "Warum schließt ihr euch nicht zusammen?", bekam er da zu hören, weil hinter ihm ein anderer Migrantenvereinsmann auf Vorsprache wartete. "Warum schließt ihr euch nicht mit der FPÖ zusammen?", fragte Akkilic zurück. "Die da sind rechte Migranten, wir sind linke Migranten. Wir haben nichts gemeinsam."

Die Einteilung in Inländer und Ausländer gehe ihm auf die Nerven, sagt Akkilic. Auch die Wiener SPÖ tappe in diese Falle - und schade damit sich selbst: Man spreche von Solidarität. Aber wenn es um die Arbeiter geht, spalte man sie, etwa mit dem Ausländerbeschäftigungsgesetz. Das sei unglaubwürdig und koste Stimmen, glaubt Akkilic - ohne zu verklären, wohin diese Stimmen wandern: selten zu den Grünen, meist zur FPÖ. "Ich bemühe mich, möglichst einfach zu sprechen", folgert er. Zu oft habe er gehört, die Grünen wirkten bodenfern.

Als Baby politisiert

Als türkischer Kurde wurde er schon als Baby politisiert. Um zu vermeiden, dass er später beim - damals verbotenen - Kurdischsprechen erwischt würde, brachten ihm seine Eltern die Sprache erst gar nicht bei. Noch vor der Pubertät ging er zu Polit-Diskussionen, interessierte sich für Bewegungen, die das Unterdrücktsein nicht als Naturgesetz annahmen.

Später, in Wien, machte er den Kampf gegen Benachteiligung zum Lebensstil, veranstaltete Demos und kam bald mit den Grünen in Kontakt. Er spart nicht mit Denkanstößen, wenn es um das grüne Verhältnis zur Migrationspolitik geht: Beim Kampf gegen Diskriminierung hätten sie unkritisch Partei ergriffen und dabei ignoriert, dass "Diskriminierung in allen Gruppen stattfindet, also auch unter den Diskriminierten." Und was Anti-Moschee-Bewegungen betrifft, findet Akkilic, dass man sie "nicht verteufeln, sondern ihnen zuhören sollte". Man gerate sonst leicht in Gefahr, zu "Verteidigern des Islam" zu werden und so am grünen Credo des Säkularismus zu rütteln. Dass sie seine Kritik aufnahmen, ihn sogar ihretwegen im Gemeinderat sehen wollen, rechnet Akkilic den Grünen hoch an.

Strache, "eine billige Superman-Kopie"

Nun fängt er an, für sie und sich zu werben. Er fischt in einem Teich, der von Straches Netz dicht durchsponnen ist - jenem der jungen Wählerinnen und Wähler. Entmutigen lässt er sich nicht. "Strache spricht keine Jugendsprache", ist Akkilic überzeugt. "Er ist eine billige Superman-Kopie."

In Gesprächen auf der Straße wird der angehende Politologe die Menschen ermutigen, genauer hinzuschauen, um die Früchte der Zuwanderung zu erkennen. "Es sind hier irrsinnig viele Häuser gebaut worden in den letzten Jahrzehnten", wird er sagen. "Und wer hat sie gebaut?" (Maria Sterkl, derStandard.at, 22.11.2009)