Es war noch nie leicht, erwachsen zu werden: Die jugendliche Heldin Bella Swan (Kristen Stewart) reist in "New Moon" nach Italien, um ihren geliebten Vampir zu retten.

 

Mormonene und Hormone

Am 2. Juni 2003 träumte es Stephenie Meyer, damals ein "mousy housewife", von einem jungen Paar. Sie scheu und unscheinbar, er schön, höflich - und ein Vampir. Zwölf Wochen später hatte die am 24. 12. 1973 in Connecticut geborene Autorin ihren ersten Twilight-Roman Bis(s) zum Morgengrauen fertig. Drei dicke Romane um die Liebesgeschichte zwischen Bella und Edward, einem abstinenten Blutsauger (Beißt er sie, oder beißt er sie nicht? Gehen sie miteinander ins Bett, oder tun sie's nicht?), sollten folgen.

Weltweit hat die überzeugte Mormonin und Mutter dreier Söhne mehr als 50 Millionen Bücher, in denen auch Werwölfe und allerlei Teenagerdramen eine Rolle spielen, verkauft - vor allem an Frauen zwischen 16 und 35. Zur Kritik, Meyer rede einer ultrakonservativen Weltsicht das Wort, und wütenden Angriffen von feministischer Seite kamen kürzlich Plagiatsvorwürfe. Angefochten hat das die Schnellschreiberin wenig, einen Roman, der die Ereignisse aus Sicht des Vampirs hätte erzählen sollen, hat sie aber auf Eis gelegt. (steg, DER STANDARD/Printausgabe, 21./22.11.2009)

Foto: Concord

Wien - Glücklicherweise können Tweets noch nicht kreischen. Auf Twitter kamen die Nachrichten diesmal nämlich ziemlich hysterisch daher. New Moon, der zweite Teil der Twilight-Saga, erlebte von Donnerstag auf Freitag in den USA seine Mitternachtspremiere, und die wenigsten Fans, die schon Karten besaßen, wollten ihre Vorfreude für sich behalten: Stunden, Minuten, ja, Sekunden bis zum herbeigesehneten Ereignis wurden countdownartig heruntergezählt. 

Auf den Konterfeis zu den Twitter-Einträgen konnte man erkennen, dass es sich fast ausschließlich um Mädchen handelte. Twilight, die Fantasy-Reihe der US-Autorin Stephenie Meyer, ist ein kulturelles Phänomen, das, anders als Harry Potter, gendermäßig eher einseitig besetzt ist - Mädchen im Teenageralter (und ihre Mütter, die obsessiv mitlesen) formen die Fangruppe. 

Es gibt gute Gründe, warum dem so ist: Twilight hat sein Epizentrum in der maßlosen Liebe der jugendlichen Bella Swan zu Edward, einem schmächtigen Vampir. Buch- wie (brav werktreue) Filmreihe bringen die klassischen Elemente einer Teenagerserie mit Pop-Horror-Geschöpfen zusammen, wobei die markanteste Abweichung zum Genre darin besteht, dass Mensch und (vermeintliche) Bestie hier dieselbe Welt teilen. Edward und seine Familie haben dem Durst nach Blut entsagt und leben zivil in der Kleinstadt Forks - trotz gelblicher Augen unbemerkt. 

New Moon beginnt allerdings mit der Einsicht, dass sich die selbstauferlegte Askese doch nicht ganz so gut mit jugendlichem Hormonüberschuss verträgt. Ein Blutstropfen von Bella (Kristen Stewart, gerade auch mit Adventureland im Kino) führt fast zur Beißkatastrophe. Edward (Robert Pattinson) entscheidet sich, den Ort zu verlassen, zurück bleibt Bella, die monatelang, von Albträumen gequält, dahindarbt, während die Kamera sie sorgenvoll umtänzelt. 

Schon bei den Büchern hat die masochistische Leidensbereitschaft der Figur, die nur darauf wartet, von edlen Jungmännern mit übernatürlichen Fähigkeiten gerettet zu werden, Feministinnen wie Laura Miller aufgebracht: Während etwa Vampirjägerin Buffy aus der gleichnamigen TV-Serie ein zeitgenössisches Mädchen sei, die jederzeit Herrin über ihre Geschichte bleibt, lebt Bella nur für ihren blutarmen Jüngling - ein hohler Platzhalter für die romantischen Bedürfnisse der Leser. 

Regisseur Chris Weitz weicht dieser Passivität der Vorlage nicht aus, sondern stellt sie in den Vordergrund. Romeo und Julia ist eine der Referenzen des Films, aber die ewig gleichen Leidensmienen, unterlegt von sanftem Folk und Rock Thom Yorkes oder Bon Ivers, genügen nicht, um hehre Leidenschaften zu beschwören. Sie lassen den Film im emotionalen Zwischenzustand schweben, ohne dass sich große erzählerische Dynamik einstellen würde. Selbst Bellas Versuche, mit selbstmörderischen Aktionen Edwards Beschützerinstinkt zu wecken, wirken mau. 

Bleibt noch Jacob (Taylor Lautner), Bellas Trost, ein stiller Native-American-Boy, in dem noch ein weiteres Monster schlummert. Wo Edward das triebhafte Verlangen des klassischen Vampirs fehlt, mangelt es seiner wölfischen Natur an Animalität. New Moon scheint geradezu erpicht darauf zu sein, alles Sexuelle auszublenden. Das in die Gemeinschaft der Menschen integrierte Monster ist mehr modischer Look als Bestie: mager aristokratisch im grauen Sakko oder muskelbepackt in knackigen Shorts. Demnächst auch in Ihrer H&M-Filiale. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD/Printausgabe, 21./22.11.2009)