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Ehrenbegräbnis eines in Afghanistan gefallenen US-Soldaten.

Foto: AP Photo/Daily Herald, Mark Johnston

Vor seinem Tod hat Chancellor Keesling ein E-Mail geschrieben. Es ging ihm nicht gut. Er fühlte sich allein. "Ich habe an Selbstmord gedacht. Ich denke, dass ich Hilfe brauche", zitiert die New York Times aus seinem letzten Schreiben an seine Familie.

17 Stunden später erschoss sich der 25-jährige US-Soldat in einer Latrine im Irak. Seine Eltern bekamen eine zusammengefaltete Flagge, einen Brief von der Armee, Salutschüsse beim Begräbnis und die finanziellen Leistungen, die Familienmitgliedern nach dem Tod eines US-Soldaten zustehen. Aber eines bekamen sie nicht: Einen Kondolenzbrief von Barack Obama.

Kein ehrenhafter Tod

Seit der Regierungszeit von Abraham Lincoln ist es üblich, dass gefallene US-Soldaten einen persönlichen Brief vom Präsidenten erhalten. Unter US-Präsident Bill Clinton hat sich die Vorgangsweise aber geändert. Die Familie eines Soldaten, der Selbstmord begangen hat, bekommt keinen Kondolenzbrief des Präsidenten mehr. Diese Regelung steht in keinem offiziellen Dokument, sondern dürfte sich in das Protokoll des Weißen Hauses eingeschlichen haben. Hintergrund könnte die Vorstellung sein, dass Selbstmord kein ehrenhafter Tod für einen Soldaten sei.

Insgesamt haben sich vergangenes Jahr 268 US-Soldaten umgebracht. Die meisten Selbstmorde passieren in Stützpunkten und Kasernen in den USA. Im Irak und in Afghanistan haben sich seit 2001 nach Angaben des Verteidigungsministeriums 184 US-Soldaten das Leben genommen. Die Selbstmordrate unter Soldaten beträgt 20 von 100.000. Der US-Durchschnitt liegt nach Angaben des U.S. Centers for Disease Control Prevention bei rund 11 von 100.000.

Behandeln wie einen verstauchten Knöchel

Seit einigen Jahren versucht die US-Armee die psychischen Probleme ihrer Soldaten ernster zu nehmen und sie genauso wie anderen Krankheiten zu behandeln. "Wir müssen das Stigma aufbrechen, das mit der Inanspruchnahme von Hilfe bei psychischen Problemen verbunden ist", sagt General Peter W. Chiarelli, Vizestabschef der US-Armee. "Hilfe für emotionale Probleme zu suchen, sollte so normal sein, wie einen verstauchten Knöchel behandeln zu lassen."

Das neueste Programm der US-Armee, das in diese Richtung zielt, nennt sich "Comprehensive Soldier Fitness Program" und ist seit Oktober dieses Jahres in Kraft. Ziel ist es, die psychische Verfassung der Soldaten ebenso zu testen und zu überprüfen wie ihre körperliche Fitness. Das Programm dient zwar nicht explizit der Vermeidung von Selbstmorden, soll aber psychische Probleme erkennen und bekämpfen helfen.

Bei den finanziellen Leistungen für Hinterbliebene von Selbstmördern und auch bei der Begräbniszeremonie gibt es kaum mehr Unterschiede zu anderen Gefallenen. Dennoch fühlen sich die Familien von Selbstmördern oft nicht gleichwertig behandelt. So hätten einige Familien die gefaltete Flagge nicht bekommen, berichtet die New York Times. Außerdem fehlt - wie erwähnt - das Kondolenzschreiben. (mka, derStandard.at, 26.11.2009)