Foto: Werk
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Nach dem hässlichsten Motorrad der Geschichte gefragt, sagen angeblich von zehn Befragten zwölf, wie aus der Pistole geschossen, Ducati Multistrada. Kann sein, dass ich mich täusche, aber viel um wird schon nicht sein. Maximal, dass ich ein paar BMWs dazugezählt habe. Aber egal, weil die Multistrada, von der alle sprachen, wenn es um das hässlichste Motorrad der Welt ging, ist Geschichte. Es gibt eine neue Multistrada. Sie hat mehr Hubraum, einige feine Spielereien und schaut aus wie ein überdimensionaler Saug-Rüssler, der sich über die Landstraßen schnupft.

Die Augen der neuen Multistrada sind nicht mehr zyklopisch, sondern zusammengekniffen, wie wenn die Duc schon am Stand gute 200 km/h fahren würde. Die Blinker sind vorne superfesch in die Handguards integriert, was aber auch heißt, dass der Pratzenschutz ab jetzt so funktionell ist wie eine Pudelhaube in der Pratersauna. Apropos, mit dem Rüssel, den zusammengekniffenen Augen, dem aufgestellten Windschild und den orange blinkenden Ohrwascheln schaut die Ducati Multistrada in weiß aus wie ein Haubentaucher, der ein bisserl Waldbrand abbekommen hat. Und ich sag gleich, das ist nicht meine Meinung. Weil ich find die neue Multistrada sehr fesch.

Das 4-in-1-Motorrad
Ich reihe mich da in eine lange Schlange von Italienern, welche die Multistrada auf der EICMA in Milano zum „Best Bike in Show" gewählt hat. Das neue Styling ist sehr schnittig und passt gut zu den vier Fahrmodi, mit denen die Ducati auf Knopfdruck aufwartet und sie zum 4-in-1-Motorrad macht.

Im Sport-Modus hat die Multistrada 150 PS, die Drehmomentausbeute ist auf Maximum gestellt und die Traktionskontrolle auf Stufe 3 runtergeregelt. Im Tour-Modus trampeln zwar immer noch 150 Pferde los, das Drehmoment ist aber nicht so stark. Dafür schaltet sich das ABS ein, und die Traktionskontrolle greift, weil auf Stufe 5, schon früher. Einen Knopfdruck weiter, im Stadt-Modus, leistet die Duc nur mehr 100 PS, und die Traktionskontrolle stellt sich auf rutschfeste 7. Die gleiche Drive by Wire-Einstellung hat die Multistrada auch im Enduro-Modus, in dem das ABS natürlich abschaltbar ist und die Traktionskontrolle auf Stufe 1 fast nicht eingreift.

Die Multistrada S
Bei der S-Version mit den Öhlins-Stelzen wird in den vier Modi auch das Fahrwerk mitgeregelt, von racing-straff über komfortabel und kanaldeckelschluckend bis butterweich. Mit dem elektronisch adaptiven Fahrwerk kommt die Duc mit einer 48er-Gabel aus, die Marzochi-Gabel der normalen Multistrada ist eine 50er, beide Up-side down eingebaut. Während die S auch hinten mit Öhlins federt, kommt bei der normalen Multistrada ein Federbein von Sachs zum Einsatz, und ABS ist auch nur bei der S serienmäßig dabei.

Das Drive by Wire-System, das elektronisch die Drosselklappenstellung und die Einspritzung steuert, sowie die Ducati Traction Control, die ja aus dem Racingbereich kommt, haben aber beide an Bord, wie auch „den besten Motor des Hauses" wie Ducati nicht müde wird, den Testastretta-Evoluzione aus dem 1198 Superbike zu loben. Aber klar ist der Supersport-Motor in der Multistrada komplett anders abgestimmt. Welch Überraschung. Und er heißt jetzt auch anders: Testastretta 11°.

Elf Gräder
Elf Gräder heißt der Schmalkopf, weil das sein Ventil-Überschneidungswinkel ist - was heißt, dass am Ende des Auspufftakts das Ein- und Auslassventil gleichzeitig offen sind, während sich die Kurbelwelle um 11 Grad weiter dreht. Bei der 1198 beträgt der Winkel 41 Grad - nur so für die Sammler von sinnlosem Wissen. Dafür ist die Multistrada um 15 Prozent sparsamer und verbrennt deutlich sauberer.

Stolz ist Ducati auch darauf, dass die Multistrada trocken nur 189 Kilogramm wiegt. Und es wundert eh niemanden, dass Ducati bei ihr von einem „attraktiven Look" spricht. Der Saug-Rüssel ist Ausdruck der Sportlichkeit und „fällt in die Kategorie intelligentes, funktionales Design". Das kann ich persönlich nur unterschreiben. Aber ich war es auch nicht, der beim ersten Anblick der Multistrada einen Handstaubsauger als Vergleichsgefährt bemühte. (Guido Gluschitsch)