Wien - Erste Erkenntnis dieses Abends: Man kriegt den Typen aus der Disco; man kriegt jedoch die Disco nicht aus dem Typen heraus - auch wenn er, wie George Benson, Jahrgang 1943 ist. Es war natürlich seine große Kommerzzeit, damals in den 1970ern, als Benson den Jazz (im strengeren Sinne) beiseiteschob und begann, seinem Konto mit chartskompatibler Kost große Freude zu bereiten. Sein Smooth Jazz traf die Bedürfnislage in Tanztempeln exakt.

Und da seine letzten Alben handwerklich zwar tadellose, aber künstlerisch schnell abzuhakende, vergebliche Versuche darstellten, an den Charme eigener historischer Hadern (wie Give Me The Night, Turn Your Love Around und This Masquerade) anzuknüpfen, versteht man, dass sich der Gitarrist und Sänger in der Stadthalle viel Nostalgie gönnt und nur sparsam aus seiner neuen CD Songs And Stories (Universal) zitiert.

Zweite Erkenntnis aber: Benson auf CD und Benson in Echtzeit - das sind gänzlich unterschiedliche Niveauwelten. Was immer der Mann im Studio an Kompromissen eingeht, es bricht im Konzert sympathischerweise nach wie vor aus ihm jene Gier heraus, Songformen zu dehnen und zu sprengen, auf dass jenes "Improvisationstierchen", das in Benson steckt, zu seinem Recht kommt. Folglich ist es auch einerlei, ob nun alte Hadern (mit den zu einem älteren Herrn wenig passenden Texten) oder neues Material kredenzt wird. Wo Benson zu seinen an Wes Montgomery und an Bebop-Erfinder Charlie Parker geschulten instrumentalen Monologen ansetzte, war eine elegant-hitzige Umsetzung musikalischer Gedanken angesagt.

Letzte Erkenntnis also: Benson hat seinen Stil in eine bekömmliche Welt transferiert, es blieb aber doch ein singulärer Stil, der nun - in der Stadthalle - Ekstase mit Routine virtuos mixte. Das gibt Hoffnung, irgendwann mit einem Alterswerk rechnen zu dürfen, das jene jazzige Erzählung zu Ende bringt, die Benson in den 1960ern zu schreiben begann - bevor er in der Disco verschwand. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD/Printausgabe)