Es geht heftig zu, in der Welt von Rusalka (Gal James, li.): Der Wassermann (Gusav Belacek) wird vom Prinzen (Maxim Aksenov) gehalten, die Fürstin (Lisa Livingston) will zustechen.

Foto: Grazer Oper / Forster

Graz - Man glaubte es eh nicht wirklich. Kurz jedoch schien es, als hätte der Assoziationswunderknabe der internationalen Regieszene, Stefan Herheim, Rusalka aus der Märchenwelt entführt und - in einem Anfall von Realismus - mitten in irgendeinen Stadtteil gebeamt: Hektische Menschen rasen Richtung Metro, während ein Blumenmädchen versucht, ihnen die duftende Ware anzudrehen. Drumherum eine Bar, eine Backsteinkirche und ein Sexshop. Und über diesem Gummipuppenladen wartet eine gestrenge Gattin auf der Terrasse darauf, ihrem von der Arbeit widerwillig heimkehrenden Gatten die Freizeit wieder zur Hölle zu machen. Der Gatte kommt auch. Gleich. Zuvor jedoch hat er eine aggressiv endende Szene mit einer Hure.

Als sich die Ouvertüre samt dieser sich mehrfach wiederholenden Pantomime-Szene verflüchtigt und die Oper in die Erzählgänge kommt, wird jedoch klar: Zwar hat Herheim aus Rusalka ein leichtes Mädchen gemacht und aus dem Wassermann einen Angestellten voll unterdrückter Erotikobsessionen. Doch alles Konkrete wird hier nur zum Ausgangspunkt für eine gruselig-surreale Story über das Begehren, bei der die Bühnenelemente einer ständigen Metamorphose unterworfen sind. Bei der es vor Andeutungen und irrwitzigen Ideen wimmelt.

Da tanzen also Barhocker, da wird eine Litfaßsäule zur riesigen Eprouvette, in der Rusalka gefangen wird. Wenn sie den Mond ansingt, leuchten plötzlich Sat-Schüsseln; wo die Metro war, steht im Nu der Blumenladen der Hexe Jezibaba (dynamisch-effektvoll Dubravka Musovic). Und aus dem Sexshop, in dessen Auslage aufblasbare Liebesbarbies gerne im Rhythmus der Musik tanzten, wird ein Laden für Hochzeitskleider. Später dann auch eine Metzgerei.

Herheim entwickelt in David-Lynch-Manier aus dem Alltäglichen das Rätselhaft-Groteske, aus dem Romantischen das Blutig- Albtraumhafte. Wenn das Ganze ein Albtraum war, dann jener des Wassermanns, also des Angestellten (in jeder Hinsicht überzeugend Gustav Belacek). Ihm und ihrer käuflichen Existenz will Rusalka entfliehen, die Zuneigung zum Prinzen, der hier ein Matrose ist (solide Maxim Aksenov), bietet dazu Gelegenheit. Doch schnell ist Herheim wieder gestalterisch zur Seite: Jene Gattin, die den Angestellten drangsaliert, wird zur geheimnisvollen Fürstin (starke Präsenz: Lisa Livingston), die Rusalka (sehr passabel Gal James) den Matrosen ausspannt, um schließlich vom Gatten (Wassermann) ermordet zu werden. Auch für die Opernkonvention hat Herheim Ironisches parat: Da wird es im dritten Akt ganz märchenhaft, wenn die Nymphen gen Bühnenhimmel entschweben, als wären sie unter Wasser. Und der triebgeplagte Angestellte steht schon mal mit Dreizack und Bart da - als Wassermann-Karikatur dessen, was manche unter Werktreue verstehen.

Das alles ist nicht immer logisch, mitunter verwirrend. Aber es wirkt. Es überzeugt schließlich der Charme einer verspielten Originalität, die ausreichen würde, fünf Opern mit Ideen zu versorgen. Ein schöne Inflation der Einfälle ist das. Schön also, dass Herheim über Bayreuth und Brüssel (wo diese Rusalka herkam) in Graz landete, nachdem man in Wien glaubt, ihn nicht engagieren zu müssen.

Dirigent Johannes Fritzsch agiert mit dem Grazer Philharmonischen Orchester im Bereich des Kultiviert-Unauffälligen. Große Wirkung entfaltet das alles nicht, aber es dient dem Bühnengeschehen auf produktive Art und Weise. Natürlich "bedankte" sich ein Teil des Publikums bei Herheim für seine Kühnheiten mit heftigem Buhlärm. Es war allerdings auch (als akustische Gegenwelle) eine Menge Sympathie zu hören. Auch da ist Graz weiter als die Staatsoper. (Ljubisa Tosic/DER STANDARD, Printausgabe, 21. 12. 2009)