Die honiggelbe Fassade und die rosa Turmkuppeln der Kathedrale San Nicolò in Noto. Der Wiederaufbau nach dem Deckeneinsturz von 1996 dauerte mehr als zehn Jahre.

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Der Ätna, hier auf einem NASA-Foto aus dem Jahr 2002, ist der größte aktive Vulkan Europas.

Foto: NASA

Er drängt sich ins Blickfeld. Manchmal unerwartet, immer unübersehbar. Der Ätna, der größte aktive Vulkan Europas. Wer im Osten Sizilien unterwegs ist, kann ihn nicht ignorieren - und will das auch nicht. In Catania, der Stadt am Fuße des Vulkans, scheint die drei Kilometer lange Prachtstraße Via Etnea schnurgerade auf den majestätischen Ätna zuzulaufen. Er ist immer da, meistens fern im Hintergrund, manchmal zu nah. Lavaströme haben Teile der Stadt im Jahr 1669 begraben, dann zerstörte 1693 ein katastrophales Erdbeben Catania fast zur Gänze.

Deswegen ist die Altstadt Catanias heute so schön, ganz großstädtische Eleganz, in schwarz-grau-weißen Farbschattierungen. Denn beim Wiederaufbau im Stil des Spätbarocks wurde viel Lavastein verwendet, was der Lieblichkeit der barocken Verschnörkelungen eine etwas morbide Note verleiht. „Auch heute noch wird Lavastaub in den Mörtel und Verputz gemischt", erzählt ein auskunftsfreudiger Catanese.

Die ins Meer fließende und dann stockende Lava hat auch das Stadtgebiet vergrößert. Das Castello Ursino aus dem 13. Jahrhundert wurde einst aus Lavasteinen am Meer erbaut, heute liegt es mehrere hundert Meter landeinwärts. Dass Catania immer noch eine Küstenstadt ist, wird spätestens beim Besuch der Pescheria, des fantastischen Fischmarkts, klar. Vom Domplatz weg am besten einfach immer der Nase nach, schon von weitem riecht es nach allerlei Meeresgetier. Eiswasser tropft, der Boden ist glitschig vor Fischschleim. Hier gibt es alles zu kaufen, was sich im Mittelmeer noch bewegt. Dieser Markt ist eine Show, ganz großes Theater. Über die Verkaufsstände hinweg werden Witze und Liedstrophen gebrüllt, es wird gelacht und gehöhnt. Verschüchterte Teilnehmer einer holländischen Reisegruppe umklammern ihre vor den Bauch geschnürten Reiserucksäckchen. Gebt den Taschendieben keine Chance!

„Für Touristen ist Catania nicht besonders gefährlich", meint ein hilfsbereiter Einheimischer. Gern zeigt er auch Stadtteile, die gänzlich von der hiesigen Mafia kontrolliert werden. „Hier gibt's viel weniger Kleinkriminalität oder aggressive Bettler als in Mailand oder Rom, die ‚Familien‘ haben's gern ruhig in der Nachbarschaft," erzählt er mit leicht sarkastischem Unterton. Unser Auskunftsgeber muss es wissen, denn er arbeitet im Rathaus der Stadt. Ein Tipp noch: „ Immer Kleingeld mit dabei haben!" Denn Geldscheine, auch kleine Banknoten, werden hier offenbar sehr ungern entgegengenommen. Und tatsächlich, eine ältere Dame versucht im kleinen Lebensmittelgeschäft eine Packung Nudeln mit einem kopierten Fünf-Euro-Schein zu bezahlen. Der Mann an der Kassa findet das gar nicht lustig.

Geruhsamer scheint es in Noto zuzugehen. Noto ist wie Catania eine der acht Barockstädte des Val di Noto, die 2002 zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt wurden. Val di Noto ist keine Abkürzung für Valle (Tal), sondern bezeichnet eine Verwaltungseinheit aus der Zeit der arabischen Herrschaft über Sizilien. Wer die Altstadt Notos durch die Porta Reale betritt, versteht die Welterbe-Entscheider sofort. Zauberhaft, wunderbar, beeindruckend. Es ist die Harmonie der Farben, von hellem Honiggelb bis zum sanften Hellrosa des weichen Kalktuffs, der die grandiosen Kirchen und Palazzi leuchten lässt. Wie in Catania hat auch hier das Erdbeben von 1693 die ortsansässigen Adeligen und Kirchenfürsten dazu bewogen, die Stadt nach städteplanerischen Kriterien stilistisch einheitlich neu errichten zu lassen, und zwar von renommierten Architekten des sizilianischen Barocks. All die verspielten Putten, Verzierungen, Säulchen, Rundungen, ein grandioser Bau reiht sich an den nächsten. Man könnte meinen, bei dieser spezifisch sizilianischen Ausformung des Barocks handle es sich um süßliche Zuckerbäckerarchitektur - wären da nicht die wilden Fratzenschneider und mythischen Fabelfiguren an Gesimsen und Balkonkonsolen.

Sehenswert, sehenswürdig - und trotzdem sind kaum Touristen unterwegs. Individualreisende fallen hier auf, jeder scheint jeden zu kennen. Abends, zumindest im Winter, ist es hier menschenleer. Nur die nette Bar hinter dem Gemeindeamt, Pardon, dem Gemeindepalast, hat noch offen. Es gibt nur wenige Souvenirgeschäfte, es sind vor allem lokale kulinarische Spezialitäten zu entdecken. Schokolade aus Modica oder Tomatensugo und getrocknete Tomaten aus Pachino. Von Massentourismus à la Florenz oder Pisa keine Spur.

Das erstaunt auch beim Besuch der nahegelegenen Stadt Syrakus. Viele berühmte Gelehrte der Antike haben hier gelebt und gewirkt, als Syrakus laut Cicero „die schönste und größte Stadt Griechenlands" war. Archimedes, der Philosoph Platon, die Dichter Aischylos und Simonides, um nur einige zu nennen. Syrakus war über die Jahrhunderte hinweg eine Hauptstadt unter griechischer, römischer, byzantinischer und arabischer Herrschaft. Besonders auf der Insel Ortygia, der Altstadt von Syrakus, befinden sich beeindruckende Bauten und Kunstwerke.

Nur das Finden ist gar nicht so leicht. Syrakus scheint sich mit allen verfügbaren Mitteln, oder besser gesagt mittels allerlei Versäumnissen gegen zu viel Tourismus zu wehren. Interessante Sehenswürdigkeiten sind geschlossen. Ausschilderungen sind nicht vorhanden oder mangelhaft, ein Touristen-Infobüro sucht man lang, und dann hat es geschlossen. Vom Shuttlebus vom Bahnhof auf die Insel Ortygia erfährt man zufällig. Öffentliche Verkehrsmittel, so vorhanden, sind eine Zumutung, der Verkehr ist wie auf dem Festland mörderisch. Das ist der erste Eindruck von Syrakus, einer Stadt, die über Jahrhunderte hinweg als uneinnehmbar gegolten hat, uneinnehmbar vor allem aufgrund der Insellage und des Fonte Aretusa. Nur wenige Meter vom Meer entfernt plätschert diese - im Fall einer Belagerung - lebensrettende Süßwasserquelle immer noch vor sich hin. Der Zufluss des Wassers zum Brunnen verläuft tatsächlich untermeerisch, rund um den Fonte Aretusa wuchern Grünpflanzen, ganz besondere Pflanzen. Denn hier und entlang eines nahen Flusses wächst, einzigartig in Europa, echter Papyrus.

Beim Spaziergang den Lungomare entlang zeigt sich eine andere Seite der Stadt. Am Hafen von Ortygia ankern schnittige Yachten mit britischer oder französischer Beflaggung. Die meerseitig gelegenen und sonnenbeschienenen Terrassenlokale sind mit teuren Ledermöbeln ausgestattet. „Ja, hier kaufen sich neuerdings vermögende VIPs ein und bauen die Palazzi zu Privatvillen um", erzählt eine Zuckerbäckerin im weißen Kittel, die vor ihrem Geschäft frische süße sonntägliche Teigbällchen frittiert. Ein schöner süditalienischer Brauch wird in Ortygia noch gepflegt, die Passeggiata. Im besten Feiertagsgewand schlendern ältere Herrschaften, Paare mit Kinderwägen und Jugendliche in geschlechtergetrennten Rudeln über den Corso. Die noblen Cafès an der Piazza beim barocken honiggelben Dom von Syrakus sind gut besucht - bis kurz vor Sonnenuntergang. Dann beginnt ein kühler Winterwind zu pfeifen, und die Straßen leeren sich rasch. Die alte Stadt gehört sich wieder selbst. (Brigitte Schmidhuber/DER STANDARD/Printausgabe/02.01.2010)