Innsbruck - "Jeder Mensch hat irgendwie einen Vogel. Der meint, er hat keinen, der hat zwei" , sagt der Doyen der österreichischen Vorspringerei noch. Dann saust Erhard Rupprechter in tadelloser Haltung den Anlauf der Bergiselschanze hinunter, hebt ab, um nach Überwindung des Vorbaus bei etwa 75 Metern zu landen. Ein guter, vor allem ein zweckmäßiger Sprung, einer wie tausende andere Sprünge zuvor.

Für den Mann aus Reith im Alpbachtal ist die 58. tatsächlich die 24. Vierschanzentournee. Nummer 25 soll folgen, dann dürfte Schluss sein für den 44-Jährigen, der unter der Schar der anderen, nichteinmal halb so alten Vorspringer wie ein Fossil wirkt - ein sportliches, lächelndes Fossil. Dabei ist er einer der Wörgler Flughunde, wie sein Verein heißt.

Die Skispringerei ist Rupprechter, den alle nur Ruppi nennen, passiert. Vor bald 28 Jahren, als ein gewisser Alois Lipburger dem damals 16-jährigen Skiläufer, der keinen Hügel zu überspringen vergaß, ein Essen anbot, wenn er mit Alpinskiern einen Satz von der Wörgler 50-m-Schanze wage. Rupprechter wagte, speiste auf Kosten des 2001 verunglückten ÖSV-Cheftrainers und war gewonnen für einen Sport, der wegen des Aufwandes für Material und Training nur von ganz wenigen längere Zeit als Hobby betrieben wird.

1984/85 bestritt Rupprechter seine erste Vorspringertournee. Im Jahr darauf feierte Ernst Vettori den ersten seiner zwei Gesamterfolge. "Die Vorspringer können eine Konkurrenz retten" , sagt der Olympiasieger, der als ÖSV-Marketingchef für die Nordischen wirkt. Deren Anforderungsprofil: "Sie müssen konstant und stabil Qualität liefern. Wie weit sie springen, ist egal."

Bei schlechtem Wetter, bei Regen oder Schneefall, sorgen die Vorspringer für die Güte des Anlaufs und, nach den Landungen, des Auslaufs. Stets verfügbar müssen sie sein, auch bei klirrender Kälte jederzeit bereit zum Absprung. "Wir sind die Ersten auf der Schanze und die Letzten, die sie verlassen" , sagt Rupprechter.

Mut ist gefragt, etwa wenn ein Vorspringer nach einem Sturz aufgerufen ist. Diesbezüglich erinnert sich Rupprechter mit Schaudern, aber auch Amüsement an eine der zahlreichen Bruchlandungen des Briten Michael "Eddie the Eagle" Edwards, der weitenmäßig nur selten über Vorspringerniveau hinauskam. "Als ich unmittelbar danach sprang" , erzählt Ruppi, "stand er noch im Auslauf, blutig im Gesicht, und machte das Victory-Zeichen."

Die Gefahren der Skispringerei werden für Rupprechter, den gelernten Tischler, der in einem Pharmaunternehmen Schichten schiebt, bei weitem durch das Erlebnis des Fliegens aufgewogen. "Außerdem ist in meiner Unfallversicherung Skispringen inkludiert." Verpasst hat der Familienvater seit dem Debüt nur zwei Tourneespringen in Innsbruck, "einmal wegen Fön und einmal wegen einer Verletzung" . Den alten Zeiten, vor dem Umbau der Schanze, als der Bakken am Bergisel als ein nur drei, vier Tage im Jahr benützbarer Mythos galt, trauert er nach. "Wir Vorspringer haben damals im Anlauf noch die Spur gelegt, manchmal die Richtung vorgegeben."

Niemals in Ergebnislisten aufzuscheinen war Rupprechter, den einige treue Sponsoren und der ÖSV mit Trainingsmöglichkeiten unterstützen, lange egal. Heute ist er aber stolz, dass seine Bestweite, im Jahr 2000 auf dem Kulm erzielt, bei 170 Metern liegt, dass er bei Seniorenweltmeisterschaften schon Medaillen geholt hat und dass sie ihn alle kennen an der Schanze, ob ein Altstar wie Andreas Goldberger ("Der Ruppi, der ist lässig" ) oder ein Jungstar wie Gregor Schlierenzauer ("Na sicher, der gehört dazu" ).

Dass der ergraute Flughund einen Vogel haben könnte, auf diese Idee käme in diesem Milieu wirklich niemand. (lü, DER STANDARD Printausgabe, 4.1.2009)