"Organisierte Großdemo gegen die Opposition" lautete die letzte Zeitungsschlagzeile, die ich kürzlich gelesen habe. Dabei habe ich eine seltsame Leere im Kopf und eine Beklemmung ums Herz gespürt.

Ich sehe Bilder, die mich in Angst versetzen und zutiefst beunruhigen: tausende Menschen auf der Straße mit Transparenten, mit Fahnen, mit Plakaten. Ich sehe brennende Autos und Motorräder, blutüberströmte Gesichter, weit aufgerissene Münder, die irgendetwas brüllen, ich sehe Verzweiflung, Tod.

Ich bin 1964 im Iran geboren und lebe seit 1979 in Österreich. Nach der Islamischen Revolution bin ich ausgewandert und nie mehr in mein Vaterland zurückgekehrt. - Warum nicht? Aus Angst!

Die Zeitungsberichte und die Fotos spülen verdrängte Erinnerungen eines pubertierenden Jugendlichen an die Oberfläche. Ich bin besorgt um mein Vaterland, das Frauen, vermummt mit Tschadors und Kopftüchern, aus dem öffentlichen Leben verdrängt. Und nicht nur die Frauen, sondern alle, die anders denken und etwas liberaler eingestellt sind und nach mehr Freiheit, Offenheit und nach dem Leben dürsten.

Man geht demonstrieren, wie damals, Ende der Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts. Schlägertrupps der Basij-Milizen kommen mit Schlagstöcken bewaffnet und dreschen auf die Menge ein. Aus dem Hinterhalt fallen Schüsse. Menschen werden verschleppt. Niemand weiß, wohin. Man kennt den einen oder den anderen, der wiederum einen Schulfreund hatte, dessen Bruder plötzlich verschwunden ist, wie vom Erdboden verschluckt. - Das verstärkt die Angst. Es gibt so viele Spitzel! Jeder könnte ein Agent der Geheimpolizei sein.

Die Wut und die Angst sind genauso heftig wie unter dem Schah-Regime. Auch die Methoden der Unterdrückung haben sich nicht geändert. Man hat damals schon die Menschen gefoltert, viele zu Tode geprügelt, erhängt oder erschossen. Heute ist das nicht anders. Was sich dagegen im Laufe der Jahre geändert hat, ist die Vielfalt der Informationstechnologie, die auch vor dem Iran nicht haltgemacht hat: Satellitenschüsseln auf jedem Dach, Internet und Handy, Webcams, Twitter, Facebook. Die Unterdrückten können sich also mit anderen Mitteln zur Wehr setzen.

Dennoch bleibt die Angst um die vielen Menschen, die ihr Leben für das bisschen Freiheit aufs Spiel setzen, das man ihnen nicht gewähren will! Ich habe Angst um meinen alten Vater und um meine Familie, die noch im Iran leben. Ich habe Angst um die vielen jungen Menschen, die auf die Straße gehen und sich furchtlos gegen die Ungerechtigkeit stemmen. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.1.2010)