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Die Lebensmittelbehörde Efsa prüft derzeit das lateinamerikanische Süßkraut Stevia auf Zulassung in der EU.

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Wien/Brüssel - Die indigene Bevölkerung Paraguays und Brasiliens verwendet die Pflanze seit jeher. In der EU jedoch wird die Pflanze unter der Bezeichnung eines neuartigen Lebensmittels ("Novel Food") geführt und dementsprechend intensiv getestet. Heuer nun wird die europäische Lebensmittelbehörde Efsa wohl eine Entscheidung fällen. Diese dürfte, so die Experten der österreichischen Lebensmittelagentur Ages (Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit), positiv ausfallen. 1999 war eine ähnliche Prüfung negativ verlaufen.

Mit der Zulassung dürfte die Tür aufgehen für viele Produktinnovationen. Die Stevia rebaudiana ist rund 300-mal süßer als Zucker, hat aber im Gegensatz dazu keine Kalorien. Ihr Genuss führt weder zu runden Hüften noch zu Karies.

Angestoßen wurde die Prüfung in der EU vom US-Getränkekonzern Coca-Cola. Ebenso wie Pepsi verkauft Coca-Cola seit rund einem Jahr in den USA Softgetränke, die mit Stevia versetzt sind. Als erstes europäisches Land ist die Schweiz im Sommer 2009 nachgezogen; dort gibt es seither für mit Stevia gesüßtes Sprite eine zeitlich befristete Zulassung, erläutert Ages-Experte Klaus Riediger. In der EU ist Stevia bis dato nur in Badezusätzen oder Kosmetika erlaubt, obwohl es im Internet-Versandhandel auch Tees oder Pudding gibt. Auch in Gärtnereien ist die Stevia zu haben - als Zierpflanze.

Die strikt ablehnende Haltung gegenüber dem natürlich vorkommenden Süßungsmittel wurde immer wieder auf gutes Lobbying der Zuckerindustrie bzw. der Hersteller chemischer Süßungsmittel zurückgeführt. Begonnen hat dies in den 80er-Jahren, als der US-Konzern Monsanto, damals Hersteller des Süßstoffs Aspartam, der Stevia in einer Studie Gesundheitsschädigung attestierte.

Mittlerweile geht die Ages aufgrund internationaler Untersuchungen davon aus, dass binnen fünf Jahren mit Stevia-Süßstoffen Umsätze von 700 Mio. Dollar (485 Mio. Euro) getätigt werden könnten. Trotzdem befürchtet der Chef des Zuckerkonzerns Agrana, Johann Marihart, keine Konkurrenz zum Rübenzucker. Wie jeder intensive Süßstoff habe auch die Stevia einen hohen Anteil an Bitterstoffen. Diese seien mühsam zu entfernen, erklärt Marihart: "Die Stevia wird eher in Konkurrenz zu künstlichen Süßstoffen treten. Ich sehe das entspannt." (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Printausgabe, 5.1.2010)