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Der Tourneesieger wird von Wolfgang Loitzl und Gregor Schlierenzauer abgeschleppt.

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Auch Thomas Morgenstern hat reichlich Grund zum Jubel.

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Bischofshofen - Dabei schien der erste Durchgang auf der von 25.000 Zusehern umsäumten Paul-Außerleitnerschanze die bisherige Hierarchie dieser 58. Tournee nachhaltig zu erschüttern. Ihn nahm Ammann schon als Dritter in Angriff. Der 28-jährige Schweizer hatte seinen Qualifikationssprung mit Absicht glorios verhaut, hatte quasi nach dem Strohhalm gegriffen, möglicherweise bessere Verhältnisse vorzufinden, als die weit später am Ablauf stehende Konkurrenz.

Die Rechnung ("Das ist schon meine Taktik gewesen, wir fanden das ganz interessant") ging nahezu perfekt auf. Ammanns 136 Meter wurden nicht mehr erreicht, Kofler (129) und Schlierenzauer (128,5) blieben klar zurück. Nur der unverwüstliche Janne Ahonen segelte auf 134 Meter und war in der Gesamtwertung plötzlich Zweiter. Nach Halbierung seines Rückstandes lag der 32-jährige Finne 12,8 Punkte hinter Kofler und also umgerechnet rund sieben Meter von seinem schon sechsten Tourneesieg entfernt. Ammann fehlten 13,8, Schlierenzauer schon 17 Zähler auf das Traumziel Tourneesieg. Im Hinterhalt lauerte Morgenstern (133), der auf seinen ersten Weltcupsieg seit Februar 2008 spitzte.

Im Finale mühte sich zunächst Schlierenzauer um Schadensbegrenzung, segelte auf 134 Meter. Kofler konterte mit 133,5 Meter und Schlierenzauer war der erste Gratulant, verneigte sich vor seinem Stubaitaler Landsmann. Denn damit war der 25-Jährige, der nach zweijähriger Leidenszeit mit dem Sieg zum Auftakt in Oberstdorf groß zurückgekommen war, kaum zu erwischen. Die folgenden 135 Meter von Vorjahressieger Wolfgang Loitzl degradierten Schlierenzauer trotz der beiden Tagessiege in Garmisch und Innsbruck zum nur drittbesten Österreicher der Tournee, zum viertbesten in Bischofshofen.

Dies, weil Morgenstern dramatisch zulegen konnte, 136 Meter setzte und damit Ahonen (133,5) und Ammann (131,5) den Nerv zog. "Ein Traum ist in Erfüllung gegangen", sagte der 23-jährige Kärntner nach seinem 13. Weltcupsieg logischerweise. "Ich freue mich, dass ich mit dem Kofi da oben stehe." Der, also der achte österreichische Sieger der Vierschanzentournee (insgesamt elf Erfolge), sprach von einer richtigen "Krönung. Das war heute wirklich genial".

Ammann, den der Doyen der Schweizer Skisprungberichterstattung seit Jahr und Tag sorgsam im Blick hat, war 2007 in Oberstdorf der bisher letzte nicht-österreichische Tagessieger. Die Überlegenheit der Österreicher scheint über Jahre gesichert. "Wir haben wieder eine immense Skisprungkultur", sagt Chefcoach Alexander Pointner. Vergleichbar sei sie nur mit den 70er-Jahren unter Trainer Baldur Preiml. Damals wirkte allerdings eine Gruppe von Individualisten ohne große Organisation im Rücken, heute steht die Organisation der Individualisten an erster Stelle.

Die Kehrseite des beständigen Glanzes könnte quasi die Selbstkannibalisierung sein. Zwar standen bei der 58. Tournee wieder mehr als 90.000 Zuseher an den Schanzen, die einstige Länderspielstimmung stellte sich ob der zum Teil jämmerlichen deutschen Flugversuche und der Dominanz der Österreicher nicht ein. Die wichtigeren deutschen TV-Quoten waren nicht berauschend.

ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel räumte schon zu erwartende finanzielle Einbußen ein. Der bisherige Vermarkter IMG wird für die nächsten drei Jahre von Infront abgelöst. Wohl frohlockt man über ein gleichbleibendes Vertragsvolumen - vier Millionen Euro pro Tournee. Die genaue Summe hänge aber von den kommenden TV Quoten ab.

"Man kann auch im eigenen Jubel ersticken", schrieb der Doyen der Schweizer Skisprungberichterstattung in Anspielung auf allzu patriotisches Geheul über Österreichs Triumphe. Auch zu viele Siege können Atemprobleme auslösen, wie Doyen Hans-Peter Hildbrand noch anmerkte. (Sigi Lützow; DER STANDARD Printausgabe 7. Jänner 2010)