Da kommen die Verhältnisse ordentlich in Fahrt: Marcello Mastroianni (re.), Carole André und Oliver Reed in "Mordi e fuggi"  (1973) als der Bonze, die Studentin und der Revolutionär.

Foto: Filmmuseum

Wien - Rom schläft in der Sommerhitze. Ein junger Mann kommt einem Sportwagenfahrer bei der Suche nach einem Telefon zu Hilfe. Als Gegenleistung schlägt der redselige Fremde (Vittorio Gassman) dem braven Jusstudenten (Jean-Louis Trintignant) eine Ausfahrt zum nächsten offenen Restaurant vor. Spätestens wenn der Chauffeur unterwegs sagt: "Hauptsache, ich fahre. Wohin ist mir egal", könnte seinem Begleiter eigentlich klar sein, dass dieser Ausflug so bald nicht zu Ende sein wird.

Dino Risis "Il sorpasso" - der seinerzeit 1962 den deutschen Titel "Verliebt in heiße Kurven" trug und den man ruhig einmal im Jahr sehen kann - bildet das Scharnier zwischen der Filmmuseums-Retrospektive zum italienischen 60er-Jahre-Kino im Jänner 2009 und dem aktuellen Programm. Das steht im Zeichen der "Komödie auf italienisch" und widmet sich ausführlicher nochmals dem Werk von Risi:

Der gebürtige Mailänder (1917-2008) studierte ursprünglich Medizin mit Schwerpunkt Psychiatrie, arbeitete danach jedoch als Assistent bei Alberto Lattuada und Mario Soldati. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs beginnt er im Umfeld des Neorealismus selbst Filme zu drehen. Er ist neben Cesare Zavattini, Michelangelo Antonioni und anderen am Gemeinschaftsprojekt "L'amore in cittá" (1953) beteiligt. Allerdings bekommen seine Arbeiten - wie der 1956 entstandene "Poveri ma belli" ("Ich lass mich nicht verführen") - bald eine "rosigere" Färbung, und Risi wird in den folgenden Jahrzehnten neben Mario Monicelli, Pietro Germi und anderen zu einem prägenden Filmemacher der italienischen Komödie.

Deren Verbindung zum Neorealismo ist nicht allein personeller Natur. "Ich sah endlich, was ich vor mir hatte, und begriff, dass alles Verrat war, was der Realität auszuweichen trachtete" , hatte Zavattini 1953 formuliert. Auch die populären Komödien, die bald italienische Popkultur (Twist!), Lebensart und jede Menge Stars exportieren sollten, gehen der italienischen Wirklichkeit nämlich nicht aus dem Weg. Sondern sie spitzen diese noch zu, und zwar in Richtung Satire. Die Figuren folgen weniger psychologischen Entwürfen. Sie sind soziale Typen (mitunter auch Karikaturen), Repräsentanten der gesellschaftlichen Institutionen und Klassen, denen die Filme mit Schärfe und Humor heimleuchten.

Germis Oscar-nominierter Film "Scheidung auf italienisch" (1962) etwa und fast noch pointierter sein "Sedotta e abbandonata" ("Verführung auf italienisch", 1964) sezieren genüsslich Doppelmoral und Frauenfeindlichkeit erzkatholischer Sizilianer.

Verräterisches Fahrverhalten

Risi interessiert sich zusätzlich für die gebauten Räume, die für individuelle und gesellschaftliche Verhaltensweisen mitverantwortlich sind. In vielen seiner Filme spielen Mobilität und Automobile eine tragende Rolle. Sowohl "Il sorpasso" als auch "Mordi e fuggi" ("Ein Scheiß-Wochenende", 1973) könnte man ebenso gut als Roadmovies klassifizieren. Zur Charakterisierung des Helden genügt in Ersterem eigentlich die Inszenierung seines Fahrverhaltens.

Marcello Mastroianni wird in Letzterem aus dem Fahrersitz auf die Rückbank gezwungen: "Ein Bourgeois, der endlich mal zu etwas nütze ist", weil linksradikale Bankräuber sich von seiner spontanen Entführung zusätzliches Bargeld und freies Geleit erwarten. Auf der Autobahn formiert sich bald eine Begleitkolonne aus Carabinieri, Reportern, Schaulustigen und PR-Profis. Und dem Aufsichtsrat des Entführten wird empfohlen, das Lösegeld unter Werbung zu verbuchen.

"Mordi e fuggi" leistet sich auch surreale Anflüge. Schon in "In nome del popolo italiano" ("Abend ohne Alibi", 1972) wird der um seine Integrität ringende Untersuchungsrichter am Ende von einer entsprechenden Schreckensvision heimgesucht.In einem karnevalesken Auflauf nach einem gewonnenen Fußballmatch sieht er seinen Kontrahenten, einen skrupellosen Selfmademan (Gassman) die gesamte Population infiltrieren: Ob Aktentaschenträger, Pfarrer, Offizier, Hure oder Hooligan - der Typus scheint bereits allgegenwärtig. Das Kino erweist sich manchmal als äußerst hellsichtige Apparatur. (Isabella Reicher / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.1.2010)