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Eine Luftaufnahme vom 9. Jänner 2009 zeigt die rauchenden Schornsteine der ThyssenKrupp Stahlwerke in Duisburg - wer es sich leisten kann, zieht weg.

Foto: AP/Frank Augstein

Bochum - Dass nicht alle Menschen die gleiche Luft atmen, hat eine deutsche Studie gezeigt, die vor kurzem im Wissenschaftsmagazin der Ruhr-Universität Bochum publiziert worden ist. Der Analyse von Bochumer und Essener Umweltmedizinern und Epidemiologen zufolge hängen Sozialstatus und Umweltbelastung zusammen. Kinder aus Familien mit niedrigem Sozialstatus seien Umweltbelastungen stärker ausgesetzt als Kinder aus Familien mit hohem Sozialstatus.

Verteilung der Luftverschmutzung

Die Datengrundlage bildete eine Hot-Spot-Studie aus dem Jahr 2000, in deren Rahmen drei Standorte in Nordrhein-Westfalen untersucht worden waren, in denen wegen der Nähe zur Industrie Grenzwerte für Luftschadstoffe überschritten wurden. Messungen der Luftverschmutzung hatten gezeigt, dass sich die Verunreinigungen nicht - wie man annehmen könnte - schnell und gleichmäßig im Stadtteil verteilen. "In ein und demselben Stadtviertel kann man sowohl in hoch belasteten Gebieten wohnen als auch in Gebieten, in denen nur eine Hintergrundbelastung messbar ist", so Michael Wilhelm von der Ruhr-Universität Bochum. "Personen, die näher an Werken wohnen, sind natürlich auch stärker belastet."

Allein im Stadtteil Bruckhausen in Duisburg Nord lag die Konzentration von Staub in der Luft zwischen weniger als 50 Mikrogramm und bis 100 Mikrogramm pro Kubikmeter. Zwischen diesen Extremwerten lagen mitunter nur wenige Hundert Meter.

Zum Vergleich: Die Grenzwerte liegen in Deutschland und Österreich bei 50 Mikrogramm Feinstaub (PM10) pro Kubikmeter Luft. Gemäß einer EU-Richtlinie durfte der Grenzwert von 50 µg/m³ maximal 35 Mal pro Jahr überschritten werden (mit Jahresbeginn maximal sieben Mal pro Jahr). Der medizinische Grenzwert liegt allerdings bei 10 µg/m³.

Untersuchung

Wie sich diese Belastung auf die dort lebenden Menschen auswirkt, untersuchten die Forscher an insgesamt 968 Vorschulkindern aus den ausgewählten Stadtvierteln und - zum Vergleich - in der Stadt Borken, wo es keine Schwerindustrie gibt. Eltern wurden befragt; Allergietests, Lungenfunktionstests sowie Blut- und Urinuntersuchungen bei den Kindern durchgeführt. Es zeigte sich, dass im Durchschnitt Allergien und Atemwegserkrankungen bei Kindern aus den Hot Spots häufiger waren als bei den Borkener Kindern.

Vertiefung

Seit langem ist bekannt, dass der Gesundheitszustand von Menschen mit geringem Sozialstatus durchschnittlich schlechter ist als der von Menschen mit höherem Sozialstatus. Doch: Sind es die Lebensgewohnheiten oder sind schlechter gestellte Menschen Umweltbelastungen stärker ausgesetzt? Um diese Frage zu klären, analysierte Barbara Hoffmann vom Universitätsklinikum Essen  die umfangreichen Daten mit Blick auf den Sozialstatus.

Ergebnis: Wer es sich leisten kann, zieht weg

Es zeigte sich tatsächlich: Kinder aus Familien, deren Eltern einen niedrigen Bildungsstand haben, arbeitslos oder arm sind, sind häufiger einer starken Luftverschmutzung ausgesetzt als andere und leben öfter in ungünstigen Wohnverhältnissen. "Es ist ganz einfach", so Wilhelm: "Wer es sich leisten kann, zieht aus den Gegenden mit starker Luftverschmutzung in direkter Nachbarschaft zum Werk weg. Die, die es sich nicht leisten können, sind die, die zurückbleiben." Hinzu komme, dass Kinder mit niedrigem Sozialstatus zu Hause häufiger Tabakrauch ausgesetzt seien als andere.

Auch wenn einige Fragen offen geblieben sind, sehen die Forscher die Theorie unterstützt, dass ein geringerer Sozialstatus zu einer stärkeren Umweltbelastung führt. Um sicher zu gehen, müsse man jedoch mit größeren Gruppen arbeiten, so Hoffmann. "Da die Verzerrungseffekte allerdings erfahrungsgemäß die Ergebnisse der verschiedenen Gruppen eher nivellieren, könnte es sein, dass wir in Gruppen mit niedrigem Sozialstatus ein noch größeres Problem haben als es sich hier darstellt", vermutet die Expertin. (red)