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Avi Primor: Israelis und Palästinenser sind reifer für den Frieden als je zuvor.

Foto: dpa/Achim Scheidemann

Standard: Sie engagieren sich für die Zusammenarbeit zwischen Israelis und Palästinensern - aber wie steht es mit der Hoffnung auf eine politische Lösung?

Primor: Sagen wir es so: Ein Friedensprozess wäre möglich, die Bevölkerungen sind dafür so reif wie nie zuvor. Eine Mehrheit der Palästinenser hat sich mit der Existenz eines jüdischen Staates im Nahen Osten abgefunden und eine Mehrheit der Israelis damit, dass sie die besetzten Gebiete nicht halten können. Seit 2000 hat es etliche Friedenspläne gegeben, und alle sind in den Grundzügen gleich, wir wissen, wie es geht.

Standard: Woran fehlt es dann?

Primor: Das Grundelement fehlt: die Sicherheit. Ägyptens Sadat und Jordaniens König Hussein konnten beide die israelische Bevölkerung davon überzeugen, dass sie dafür, dass sie Land räumen, Sicherheit bekommen. Sie waren nicht nur persönlich glaubwürdig, man wusste auch, dass sie das umsetzen können. Auch Palästinenserpräsident Mahmud Abbas glaubt man, aber man weiß auch, dass er es nicht kann. Er kann nicht einmal seine eigene Sicherheit gewährleisten. Und auch die israelische Regierung ist schwach. Beide stehen unter dem Druck von Extremisten.

Also, wer kann Sicherheit garantieren beziehungsweise die beiden Regierungen dazu drängen, das zu akzeptieren, was akzeptabel ist? Nur eine echte US-Involvierung, echter US-Druck - und der ist bisher von keinem US-Präsidenten gekommen.

Standard: Und da wartet man jetzt auf Barack Obama ...

Primor: Mit Obama könnte das vielleicht möglich sein, ich formuliere das absichtlich so vorsichtig. Das heißt, wenn sich die USA zum einen tatsächlich einsetzen und Druck ausüben und zum anderen den Israelis die Sicherheit glaubwürdig machen können. Die Israelis haben Angst, dass sich wiederholt, was nach dem Abzug aus Gaza passierte - mit erheblich gravierenderen Konsequenzen, wenn die Raketen aus dem Westjordanland kämen.

Ich glaube, dass es nur ein Mittel gibt: Eine robuste kämpferische internationale Armee muss die israelische Besatzungsarmee im Westjordanland ablösen. Ich spreche von einer Armee, wie wir sie im Nahen Osten noch nie gesehen haben, mit der Mission, Sicherheit zu erzwingen.

Standard: Wer sollte sie stellen?

Primor: Die USA, Nato, EU, andere, alle gemeinsam. Die Mission, das Mandat ist wichtig, die Truppe findet sich, wenn die Bedingungen erfüllt sind: Nummer eins ist, dass die beiden Kontrahenten zustimmen. Mit den Palästinensern werden wir keine Probleme haben: Eine internationale Armee, die die Israelis ablöst, wird als Befreiungsarmee empfunden. Sowohl die Bevölkerungsmehrheit als auch die Regierung werden mit dieser Armee kooperieren.

Mit den Israelis wird es komplizierter sein: Sie haben kein Vertrauen in eine internationale Armee. Die internationalen Truppen, die wir seit 1948 so gut wie immer in unserer Region hatten, waren immer nur Beobachter. Sie haben immer nur Bericht erstattet. Die israelische Bevölkerung müsste davon überzeugt werden, dass das diesmal ganz anders ist. Das könnte man durch eine echte Kooperation zwischen dieser Truppe und den israelischen Sicherheitsbehörden gewährleisten. Und natürlich bräuchte es die Unterstützung der Arabischen Liga, und eine echte Kooperation - mehr als nur Zustimmung - von Ägypten und Jordanien.

Standard: Und Sie glauben, dass Obama US-Soldaten ins Westjordanland schicken würde?

Primor: Ich denke, das wäre am besten, technisch wäre es machbar. Aber ich bezweifle, dass er das tun wird, aus inneramerikanischen Erwägungen. Infolgedessen glaube ich, dass die einzige politische Autorität, die so etwas übernehmen kann, die EU ist. Noch einmal, da geht es nicht um die Truppen, die könnten aus Osteuropa kommen, aber auch aus islamischen Ländern. Es geht - außer der Finanzierung natürlich - um die politische Autorität. Dazu müsste die EU wiederum in jeder Weise von den Amerikanern flankiert werden, "Zustimmung" allein genügt da nicht. Wobei wir wieder bei Obama wären: Er hat den Schlüssel in der Hand. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, Printausgabe 9./10. Jänner 2010)