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Verherrlichung eines Massenmörders: Diese Mao-Statue wurde am 26. Dezember in Changsha in der Provinz Hunan enthüllt.

Foto: Reuters/Stringer

Die Untersuchungsgruppe hoher Funktionäre traute ihren Augen und Ohren nicht, als sie in die Dörfer im Kreis Minhe im Osten der Provinz Qinghai kam. Minhe galt als Kornkammer von Qinghai. Die rund 140.000 Bauern dort hatten immer reichlich Weizen, Kartoffeln, Tsampa-Gerste geerntet und Obst gepflanzt. Als die Gruppe im Auftrag des im Frühjahr 1961 neu ernannten Parteichefs für Qinghai, Wang Zhao, in die Dörfer kam, war dort ein Viertel der Bevölkerung schon tot. Drei Jahre nach der von Peking 1958 gestarteten Massenkampagne des "Großen Sprungs nach vorn" waren fast 35.000 Bauern verhungert.

38 Leute gekocht

Am schlimmsten traf es die Produktionsbrigade Li Jiashan in der Volkskommune Gushan. 601 von 1318 Einwohnern überlebten die drei Jahre nicht. In der Region wurden viele wahnsinnig. Es kam zu 33 Fällen von Kannibalismus, dem 46 Menschen zu Opfer fielen. Die Gruppe musste notieren, wie viele Menschen gekocht wurden (38), wie viele ihre eigenen oder andere Kinder dafür ermordeten (acht). Mit Bauern, die sich wehrten, machte die Kreispolizei kurzen Prozess. Zwischen 1958 bis 1960 wurden in Minhe 2680 Bauern verhaftet, von denen 1915 in Arbeitslagern verschwanden.

Im "Großen Sprung nach vorn" sollte das Land kommunistisch werden, um es den Sowjetrussen zu zeigen. Pekings Führer waren sich klar, dass sich die Bauern nicht ohne Widerstand in Volkskommunen pferchen oder zu Stahlschmelzern pressen lassen, um Maos Utopien zu erfüllen. Terror müsste sie in Schach halten. Der damals 23-jährige Polizeifunktionär Yin Shusheng war Mitglied in der Untersuchungsgruppe. Ein halbes Jahrhundert, nachdem Maos Volkskommunenkampagne zur Katastrophe führte, beendet er sein Schweigen über die bis heute in ihrem Ausmaß von Peking geleugneten Verbrechen.

Allein in der Provinz Anhui verhungerten vier Millionen Menschen. In 1289 Fällen kam es zu Kannibalismus. Sein erschütternder Bericht mit hunderten zuvor nie veröffentlichten Zahlen erschien nun in der Pekinger Reformzeitschrift Yanhuang Chunjiu. Die Hungersnöte 1959 und 1960, denen nach konservativen Schätzungen 25 Millionen Menschen zum Opfer fielen, gingen nicht auf Naturkatastrophen zurück. Sie waren Folge einer von Mao Tse-tung verschuldeten hausgemachten Krise.

Pekings Führer kannten nicht nur das Ausmaß des Leids. Sie ließen jedes Anzeichen von Auflehnung im Keim ersticken. Yin, der als hoher Sicherheitsmann einen einzigartigen Einblick hatte, hat sich mit seinem siebenseitigen Bericht "Der Große Sprung in der Arbeit der Sicherheitsbehörden" schwergetan: "Ich habe mein Leben lang für den Sicherheitsapparat gearbeitet und verbinde viele Emotionen damit. Mein Herz tut weh, diesen Aufsatz zu schreiben. Aber mein Ziel ist, dass wir eine Lehre aus den Erfahrungen ziehen und nicht erneut solche historischen Fehler machen."

Die KP-China verbietet bis heute jede Vergangenheitsbewältigung. Maos ehemaliger Sekretär Li Rui war einer der ersten, der es vor 15 Jahren wagte, die Herrschaft Maos als eine von Anfang an gezielte Diktatur des Terrors anzuprangern. Am Beginn der Mao-Kampagne gab es von den Zentralbehörden Quoten. Peking verlangte 45.000 Festnahmen. Anhui "übererfüllte den Plan" und schaffte allein im Jahr 1958 101.000 Verhaftete. Die meisten der Häftlinge, so schreibt Yin, waren "unschuldige Arbeitsmenschen" . Unter fürchterlichen Haftbedingungen starben 1958 bis 1960 in Anhui 50.000 oder fast ein Drittel der Verhafteten. "Das Auf und Ab der Verhaftungen hatte nichts mit der aktuellen Sicherheitslage zu tun, sondern mit den Weisungen der Führer" , schreibt Yin.

Yin hat seine Abrechnung gemacht, damit spätere Generationen erfahren, dass in China mit Menschenleben "wie mit Unkraut" umgegangen wurde. (Johnny Erling aus Peking, DER STANDARD, Printausgabe 9./10. Jänner 2010)