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Ziel absurder Vorwürfe: Lindsey Vonn.

Foto: Reuters/Foeger

Obwohl an Lindsey Vonns Figur wohl nur aufgeblasene Typen etwas zu bemäkeln finden, schaut sie auf ihre Linie; wie momentan keine andere im Skirennsport-Geschehen. Ehrgeizigen Trainern der Konkurrenz, könnte der Rat nicht schaden, lieber Seitenblicke statt Seitenhiebe auf die dynamischen Kurven der smarten Amerikanerin im Kontext der modernen Skitechnik zu werfen.

Man möge in der einschlägigen Grundschulliteratur der Physik und insbesondere beim Kapitel Friktion nachschlagen, um verzapfte und offensichtlich noch immer gängige Trainermeinungen in Sachen Gewicht und Gleitgeschwindigkeit als schlichten Blödsinn zu enttarnen. Was Lindsey Vonns außerordentliche Performance ausmacht, sieht das unverdorbene Auge auf den ersten Blick! Es ist der Einklang ihrer Linienwahl mit einem weichen und harmonischen Bewegungsstil.

Erklärend dazu muss man die "neue Ideallinie" unter neuen Aspekten betrachten. Während früher eine schlaue Linie hauptsächlich so angelegt wurde, möglichst wenig Geschwindigkeit durch Richtungsänderungen zu vernichten, gewinnt man jetzt Rennen nur mehr, wenn man die Kurven zum Beschleunigen nutzt. Taillierte Ski machen das gut möglich. So kann man einmal passiv beschleunigen, indem man den Kurvenradius im Schwungverlauf zunehmend verkürzt. Zum andern gibt es auch die Möglichkeit der aktiven Beschleunigung. Das funktioniert, vereinfacht gesagt, so in etwa nach dem Prinzip des "Antauchens" auf einer Schiffschaukel und physikalischen gesehen nach dem Prinzip der Drehimpuls-Erhaltung.

Die nötigen Vorgänge zur Beschleunigung sind komplex und deshalb bedarf auch die Wahl der Beschleunigungs-Linie innerhalb eines vorgegeben Kurs großer Expertise. Routinierte Läuferinnen wie Lindsey Vonn oder auch ganz junge Talente wie Federica Brignone, Carlo Janka oder Marcel Hirscher, haben ein natürliches Gespür für den Umgang mit den Kräften. Ihnen muss keiner den Zusammenhang von Physik und Skifahren erklären. Ihr implizites Wissen um das Wechselspiel mit Naturkräften reicht aus, um den dynamischen Zuschauer in Freude zu versetzen und manchmal auch "gewichtige" Serien-Siege zu feiern.

Explizites Wissen um Fakten und physikalische Zusammenhänge, könnte aber dem einen oder anderen Coach durchaus nicht schaden. Diese Idee drängt sich auf, besonders wenn man sich mit diversen dubiosen Aussprüchen der vergangen Tage auseinander setzen muss... Und jenen, die zuletzt aus Sicherheitsgründen ein Carving-Ski-Taillierungs-Verbot einforderten, werden die aktuellen Spitzenkräfte des Rennlaufs, die sich dadurch auszeichnen, dass sie die Spitzen der auftretenden Kräfte mit feinem Material, zu ihren Gunsten nutzen können, ohnehin eins (um die Kurven) pfeifen. Und das ist gut so!

P.S. - Die Sicherheitsfrage

Moderne Skifahrer sind, speziell in den Kurven, Kräften ausgesetzt, mit denen sie umgehen müssen. Diese Kräfte können durchaus auch das drei- bis vierfache des Körpergewichtes ausmachen. Die Läufer tun alles Erdenkliche um mit den Kräften gut umzugehen. Ihre Verwertung steht im Vordergrund, sie zu vernichten ist kein guter Weg. Die Zusammenhänge von modernem Skifahren mit den auftretenden Kräften, wären unter anderem auch bei der Wahl des Geländes, der Präparierung, der Kurssetzung und besonders im Zusammenhang mit der zu erwarteten Performance der Athleten zuallererst zu berücksichtigen. Es wäre deshalb schlau, wenn auch die Öffentlichkeit Anja Pärson und Kilian Albrecht, den Läufervertretern der FIS, besser zuhört als manchen Funktionären und Trainern, die in ihren angestammten Machtpositionen zwar viel zu reden aber nichts (neues) zu sagen haben. - "Design follows function" und keinen Dogmen! (Nicola Werdenigg; 12. Jänner 2010)