In die Gedankenwelt anderer eintauchen - etwa in die des Kasperls (zu sehen täglich in ORF 1) - und die daraus folgenden Handlungen verstehen können Kinder erst ab dem vierten Lebensjahr. Das haben die Untersuchungen an der Uni Salzburg gezeigt.

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Um ihre kognitive Flexibilität zu testen, lassen die Forscher Kinder Karten nach bestimmten Kriterien wie Farben oder den abgebildeten Obstsorten sortieren.

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"Wie können wir unsere Denkweise ändern?", ist ein kürzlich angelaufenes FWF-Projekt der Universität Salzburg betitelt. Dabei geht es nicht um unser Weltbild oder unsere Lebensphilosophie, sondern um die kleinen, aber notwendigen Veränderungen unseres geistigen Blicks: Nur eine gewisse Flexibilität des Denkens erlaubt uns, zwischen verschiedenen Aufgaben hin- und herzuwechseln oder ein und denselben Sachverhalt aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten.

Diese Fähigkeit ist nicht so banal, wie sie erscheinen mag. Kinder entwickeln sie erst mit ungefähr vier Jahren und viele Autisten nur sehr eingeschränkt.

Blaue Äpfel, rote Birnen

Um die kognitive Flexibilität zu untersuchen, wird in der Neuropsychologie eine Karten-Sortier-Aufgabe verwendet: Dabei werden den Probanden Karten vorgelegt, die verschiedene Farben, Zahlen und Formen zeigen und die sie nach einem dieser Kriterien sortieren sollen. Nach einer Weile müssen sie zu einem anderen Kriterium wechseln: Zeit und Fehlerrate, die dieser Switch auslöst, werden gemessen. Autisten neigen bei diesem Test dazu, an der ursprünglichen Regel festzuhalten - auch wenn sie ständig negative Ergebnisse liefert.

Bei Kindern verwendet man eine Variante der Aufgabe, den Dimensional Change Card Sorting Task, kurz DCCS-Task: Dabei müssen sie Karten, auf denen etwa rote Birnen oder blaue Äpfel abgebildet sind, zuerst nach einer Dimension sortieren (etwa der Farbe) und dann nach einer anderen (etwa der Obstsorte). Während schon Dreijährige den ersten Teil des Tests problemlos bewältigen, funktioniert der Wechsel von einer Dimension zu einer anderen erst ab circa vier Jahren.

Wie Daniela Kloo und Josef Perner vom Fachbereich Psychologie der Uni Salzburg in einem früheren FWF-Projekt herausfanden, verringern sich die Schwierigkeiten deutlich, wenn die beiden Dimensionen auf den Karten getrennt dargestellt werden, also etwa die Umrisse einer Birne neben einem blauen Farbklecks.

Sie führen das darauf zurück, dass die Kinder nun nicht mehr gezwungen sind, ein und dasselbe Objekt als zwei verschiedene Dinge - einmal als Birne, ein anderes Mal als etwas Blaues - wahrzunehmen. Erstaunlicherweise lässt die Leistung von Erwachsenen bei getrennten Dimensionen nach. In dem aktuellen Projekt soll unter anderem geklärt werden, warum das so ist, indem 20 Erwachsene und 180 Kinder im Alter von vier bis zwölf Jahren computergesteuerten DCCS-Tasks unterzogen werden, bei denen Fehlerquote und Reaktionszeit erhoben und verglichen werden.

Diamant im Kochtopf

Auch mit der Fähigkeit zu begreifen, dass andere Leute anders denken können als wir selbst, kommen wir nicht auf die Welt. Wenn der Kasperl etwa sieht, wie der gestohlene Diamant in einem Kochtopf versteckt wird, der Diamant aber während seiner Abwesenheit in die Pendeluhr transferiert wird, sind Dreijährige nicht in der Lage zu verstehen, warum der Kasperl bei seiner Rückkehr nicht in der Pendeluhr, sondern im Kochtopf nach dem Stein sucht.

Solche "false belief"-Aufgaben setzen eine "theory of mind" voraus, eine Vorstellung von der Gedankenwelt anderer, und können erst mit ungefähr vier Jahren bewältigt werden. Tatsächlich verdichten sich in den letzten Jahren die Hinweise darauf, dass die Fähigkeit, anderen eine bestimmte Denkweise zuzuschreiben, und das Vermögen, den eigenen Blickwinkel zu wechseln, ursächlich verbunden sind. Nicht nur entwickeln sie sich zur selben Zeit, bei entsprechenden Aufgaben ist auch dieselbe Hirnregion aktiv.

Außerdem gibt es übergreifende Lerneffekte: Kloo und Perner trainierten eine Gruppe von Vorschulkindern in False-Belief-Aufgaben, eine andere im Kartensortieren. Bei der anschließenden Überprüfung stellte sich heraus, dass sich die Leistung der Kinder in beiden Aufgabenvarianten verbessert hatte.

Im Rahmen des laufenden Projekts werden die Psychologen auch 45 Kinder zwischen drei und neun Jahren, die unter einer Autismus-Spektrum-Störung leiden, einer Trainingsstudie unterziehen. Die Forscher hoffen, in der Folge ein Trainingsprogramm entwickeln zu können, das die kognitiven Leistungen von Kindern maßgeblich verbessert. (Susanne Strnadl/DER STANDARD, Printausgabe, 13.01.2010)