Auch wenn man an der neuen Oberstufe der Wiener Sängerknaben Mädchen willkommen heißen will, steht eine Änderung des Markennamens "Sängerknaben" außer Diskussion.

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Wien - Als sich der Lehrer nach dem Konsum spezifischer Radiosender erkundigt, werden die wenigen jungen Ö1-Hörer schief angesehen. "Die spielen doch nur Klassik!"

Markus Blauensteiner, Direktor des Realgymnasiums der Wiener Sängerknaben, gibt zu, dass die klassische Musik etwas sei, "das nicht besonders 'cool' ist". Das Interesse an klassischer Musik müsse man sich selbst erarbeiten. "Jemandem das aufzuzwingen, funktioniert nicht." Ausschlaggebend dafür sei aber das Angebot.

An der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (MDW) werden derzeit neben den 1964 inländischen Studierenden insgesamt 1578 Interessierte aus dem Ausland unterrichtet. Neben den 285 Studierenden aus Deutschland sind dabei vor allem die 154 koreanischen und 123 japanischen Studenten den anderen Staaten zahlenmäßig überlegen.

Blauensteiner beschreibt dieses Phänomen folgendermaßen: "Je weiter wir mit den Sängerknaben wegfahren, desto ehrfurchtsvoller wird uns begegnet." In Japan gäbe es laut ihm Pressemeldungen, Fernsehen und Konzertsäle mit bis zu 5000 Besuchern. "Wenn sie hier auftreten, wird das als selbstverständlich hingenommen."

Bröckelnde Fassaden

Blauensteiner denke zwar nicht, dass die Fassade des Musiklandes Österreich bröckle, allerdings sehe er, dass etwas gemacht werden müsse. "Ich glaube einfach, dass wir in Österreich eine Verpflichtung dazu haben, dass diese Meinung, die man von uns hat, auch gerechtfertigt bleibt."

Einen Beitrag dazu soll das neue Oberstufenrealgymnasium mit Vokalschwerpunkt leisten, welches im September seine Pforten öffnet. In je einer Klasse pro Jahrgang können 25 bis 28 Musikbegeisterte ihre Ausbildung an der Schule der Wiener Sängerknaben erstmals über die Volksschule und Unterstufe hinaus fortsetzen. Einen wesentlichen Unterschied stellt die Aufnahme von externen Schülern dar, wobei erstmals auch Mädchen zugelassen sind.

Die Idee besteht bereits seit längerem und wurde sowohl von Schüler- als auch von Elternseite gefordert. Verhandlungen mit dem Bildungsministerium darüber dauerten vier Jahre an, da der Staat nicht nur das Öffentlichkeitsrecht aus-, sondern auch Lehrer zur Verfügung stellt.

Musikuni nicht die einzige Option

Der Schwerpunkt Vokalmusik ist derzeit einzigartig in Österreich und sei auch von vielen Musikerpersönlichkeiten begrüßt worden, erzählt Blauensteiner. Neben Stimm- und Gehörbildung stehen etwa Tonsatz, Stilkunde oder Aufführungspraxis auf dem Stundenplan. Mit dem Gedanken an Nachwuchs österreichischer Gesangsstudenten "hat auch die Musikuniversität das neue ORG unterstützt".

"Natürlich würde ich mir wünschen, dass die Ausbildung so gut ankommt, dass dann ein Großteil der Absolventen sagt, 'eigentlich habe ich jetzt das Rüstzeug, auf das Mozarteum oder die MDW zu gehen und Gesang zu studieren'", sagt Blauensteiner. Allerdings sei es vermessen zu glauben, dass 100 Prozent der Maturanten diese Richtung einschlagen würden, relativiert er. Schließlich halte die Matura alle Wege offen, "und die Absolventen können dann genauso ein Medizinstudium beginnen".

Bis es allerdings so weit ist, gilt es, noch einige Hürden zu meistern. Am Beginn stehen die von 18. bis 23. Jänner stattfindenden Eignungstests, wobei Notenkenntnis und Stimme überprüft werden. Neben einem akzeptablen Zeugnis der 7. Schulstufe sei auch eine ausgezeichnete Verhaltensnote wichtig. Das müsse schon sein, betont der Rektor, man wolle sich schließlich keinen unnötigen Ärger einholen.

Die Kosten für diese ganztägige Schulform betragen inklusive Mittagessen und Stimmbildung 340 Euro im Monat. Damit ist alles, außer sportliche Aktivitäten wie etwa Skikurse, abgedeckt. Begabte Schüler können außerdem um Stipendien ansuchen, über die von Fall zu Fall entschieden wird, sagt Blauensteiner.

Wie viele Interessierte sich für die neue Oberstufe tatsächlich bewerben, steht genauso wie das Verhältnis von Burschen und Mädchen in den Sternen. Über eine Mädchenquote habe der Rektor bislang aber nicht nachgedacht. Wenngleich ihm sehr wohl bewusst sei, dass Schwellenängste überwunden werden müssten.

Der Markenname "Wiener Sängerknaben" werde aufgrund seiner langjährigen Tradition jedenfalls nicht geändert werden. "Darüber kann man nicht diskutieren. Ich glaube auch nicht, dass man die Marke ändern muss, sondern das Bewusstsein in den Köpfen der Leute." Als Gegenstück falle bei den Buben die Überwindung, sich zum Gesang zu bekennen, ins Gewicht, hingegen sei "das Singen für Mädchen nie 'uncool'".

"Musik ist kommerzialisiert"

Ob die Ausbildung junger Musiker allein zur Erhaltung des Status des Musiklandes Österreich fähig sei? Blauensteiner ist davon nicht überzeugt. "Ich wäre sehr glücklich, wenn in den Medien der Stellenwert der Musik nicht so einseitig dargestellt würde - aber das ist ja kommerzialisiert." Zwar wäre dies an sich nicht negativ, doch man dürfe "Stellenwerte und Qualität nicht außer Acht lassen. Sehr wohl sollte man darauf achten, dass zum Beispiel das Neujahrskonzert einen künstlerisch hohen Stellenwert hat." (Bath-Sahaw Baranow, Magdalena Legerer/ STANDARD, 13.01.2010)