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Der "chilenische Berlusconi"  Sebastián Piñera (li.) und der Christdemokrat Eduardo Frei wollten bei ihrer Fernsehkonfrontation am Dienstag wissen, was die Uhr für sie geschlagen hat.

Foto: Reuters/Ivan Alvarado

Seit Wochen galt Sebastián Piñera, der Präsidentschaftskandidat der Rechtsparteien Chiles, als Favorit für die Stichwahl am 17. Jänner. Doch im Wahlkampffinale holte der Mitte-links-Kandidat Eduardo Frei wieder auf.

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Wenn die acht Millionen wahlberechtigten Chilenen am Sonntag in der Stichwahl ihren neuen Präsidenten bestimmen, werden dabei nicht nur die Versprechen und Persönlichkeiten der beiden Kandidaten Sebastián Piñera und Eduardo Frei den Ausschlag geben. Beide repräsentieren auch eine historische Kontroverse: die Frage, in welchem Kräfteverhältnis Staat und Markt stehen sollen und welcher Status den Menschenrechten gegeben wird.

Da ist zum einen der 59-jährige Piñera, wegen seines verzweigten Geschäftsimperiums und politischen Ehrgeizes auch "der chilenische Berlusconi" genannt. Er gehört zum rechten Bürgertum, das die Diktatur Augusto Pinochet (1973-1990) unterstützte. Neoliberale Ideen kennzeichnen Piñera und seine Wähler.

Das gilt auch für Augusto Pinochet Molina, den 36-jährigen Enkel des Ex-Diktators. Für ihn bauscht das regierende Mitte-links-Bündnis Concertación "den Staat immer mehr auf, die Wirtschaft wächst nur noch schleppend" . Es gebe "immer mehr Sozialhilfeprogramme, und nicht immer kommen die Besten zum Zug" , kritisiert er. Pinochet Molina, heute Angestellter der Verwaltung eines reichen Stadtteils von Santiago, hält die Menschenrechtspolitik der Concertación außerdem für "revanchistisch und politisch motiviert" .

Fragwürdiges Modell

Eduardo Frei, der andere Kandidat, ist ein Christdemokrat, der schon von 1994 bis 2000 Staatschef war. Mehr als durch ihn wurde das Land am Pazifik durch seinen Vater Eduardo Frei Montalva geprägt, der als erster christdemokratischer Präsident Chiles von 1964 bis 1970 regierte und wichtige Veränderungen, darunter die Bodenreform, einleitete.

Diese Vorstellungen eines eher sozialdemokratisch orientierten Wohlfahrtsstaates motivieren bis heute die Wähler der Concertación. "Ich finde nicht nur das neoliberale Wirtschaftsmodell Pinochets fragwürdig, sondern die Philosophie, die ihm zugrunde liegt" , sagt der Enkel des sozialistischen Ex-Präsidenten Salvador Allende, Gonzalo Meza Allende. "Also die Idee, dass es immer 20 Prozent Reiche und 80 Prozent Arme geben wird. In solch einem Modell gehen Werte wie Solidarität und Kooperation völlig unter. Das ist eine perverse Logik, in der sich alles nur um den Wohlstand dreht, darum, was man besitzt." Meza Allende musste nach dem Putsch ins Exil und war nach seiner Rückkehr in der Sozialistischen Partei aktiv, die zur Concertación zählt. Heute arbeitet er als unabhängiger Consultant. Das Arrangement mit den von Pinochet vorgegebenen Rahmenbedingungen - darunter die Verfassung und das Wirtschaftsmodell - hat den 44-Jährigen ernüchtert. Aber "Gefühle wie Hass liegen mir fern", sagt er.

Ähnlich kritisch beurteilen die beiden Enkel der chilenischen Protagonisten die Konzentration von Reichtum und Macht in ihrer Heimat. Die ärmsten zehn Prozent der Bevölkerung müssen mit nur etwa zwei Prozent aller Ausgaben der Privathaushalte auskommen. Die reichsten zehn Prozent verfügen hingegen über mehr als 40 Prozent. "Vom chilenischen Modell profitieren nur die Großunternehmen und die Banken, die haben die Beute unter sich aufgeteilt. Kleine und mittlere Betriebe, die eigentlich die Arbeitsplätze schaffen, und die Angestellten der Mittelschicht haben die größte Last an Steuern und Bürokratie zu tragen" , kritisiert Pinochet Molina. Für Meza Allende bleibt der Mittel- und Unterschicht in Chile im aktuellen Modell nur die Alternative zwischen Konsumverzicht oder Verschuldung. Und der Wirtschaftsliberalismus habe dazu geführt, dass man heute dank vieler Freihandelsverträge zwar Waren aus der ganzen Welt in Chile erhalte, die Exporte aber auf landwirtschaftliche Produkte und Rohstoffe beschränkt blieben. (Sandra Weiss aus Santiago/DER STANDARD, Printausgabe, 14.1.2010)