Dirigent Andres Orozco-Estrada

Foto: Werner Kmetitsch

Wien - Wenn die Tonkünstler heute Abend ausnahmsweise mit einer Salsa-Band crossovermäßig turteln, wird - so sich bei der rhythmusbetonten Körpermusik Leichtigkeit einstellt - sicher der Dirigent, Andres Orozco-Estrada, zur "Verantwortung" gezogen werden. Der Mann kommt aus Kolumbien. Und klar, es sei ihm die groovende Stilistik nahe. Geholt wurde er indes nicht, um, wie Vorgänger Kristjan Järvi, an der Oberfläche der Repertoireflexibilität gute Laune zu verbreiten.

Nach einer Järvi-Phase der Unverbindlichkeit muss jetzt Profil im symphonischen Bereich her. Für das Orchester und für den in Medellín geborenen neuen Chef. Orozco-Estrada ist sich dessen bewusst, er wollte es jedoch nicht anders. "Als junger Dirigent kann man sich bemühen, allen Spitzenorchestern so schnell wie möglich zu begegnen, damit man Renommee erlangt. Das ist schwierig, selbst bei Talent. Es braucht auch eine Agentur, Leute, die einen pushen. Fast mit Gewalt. Das ist nicht mein Weg. Ich dachte mir: Ich nehme zwei Orchester als Partner und arbeite viel, arbeite am Sound und entwickle ein Klangideal - auch für mich. Wenn ich jede Woche woanders wäre, könnte ich das nicht. So riskiere ich, weniger Einladungen zu bekommen. Dafür kann ich mich auf die Vertiefung der Dinge konzentrieren." Wobei: "Ich will ausreichend da sein, aber nicht zu viel. Ich sehe das so: Lieber etwas weniger, dafür ganz intensiv, damit es Spaß macht. Wenn man zu viel da ist, kann es schon passieren, dass Dirigent und Orchester einander nicht mehr ausstehen können." Das gilt auch für das Baskische Nationalorchester, dem er ebenfalls vorsteht.

Beim Blick zurück fällt auf: Es muss Orozco-Estrada eine Frühbegabung gewesen sein. Er hat gerne im Wohnzimmer imaginäre Orchester dirigiert, "und meine Mutter dachte, ich spinne. Besorgt brachte sie mich zu Psychologen." Die Geschichte muss gut ausgegangen sein. Statt Therapie gab es eine Musikausbildung, und schließlich landete Orozco-Estrada mit 19 in Wien ("Damals kostete das Flugticket mehr als 1000 Dollar!" ), bestand die Aufnahmsprüfung auf der Hochschule und war glücklich, ebendort zu sein, wo auch Abbado und Mehta als Studenten gewesen waren.

Mit den Tonkünstlern die Wiener Orchesterhierarchie (die Philharmoniker an der Spitze, dahinter die Symphoniker und das RSO Wien auf dem zweiten Platz) auf den Kopf zu stellen - solche Ankündigungen kann man ihm nicht entlocken. "Ich will einfach an Details arbeiten, dann kommen die Dinge ganz von selbst. Natürlich wäre es schön, das zu erreichen, was Simon Rattle in Birmingham und Mariss Jansons in Oslo an Niveausteigerung bei den dortigen Orchestern vollbracht haben. Das kann man als Ideal ins Auge fassen. Es wäre jedoch vermessen von mir, das zu versprechen. Man wird sehen. Es braucht Zeit, bis man zusammenfindet; es geht ja um gemeinsames Reagieren, um gemeinsames Empfinden und Atmen. Das kommt nicht über Nacht."

Potenzial sei jedenfalls im Orchester vorhanden - und auch die Rahmenbedingungen stimmen: Musikverein, Festspielhaus St. Pölten, Tourneen und das Festival in Grafenegg, wo man auch gastierenden Starorchestern begegnen kann. Da lässt sich gut arbeiten. "Die Open-Air-Bühne in Grafenegg kling gut und authentisch. Das hat ein eigenes Flair. Beim Verdi-Requiem war ich jedoch seinerzeit froh, dass es geregnet hat. Das Auditorium war besser, um die Feinheiten hörbar zu machen. Bei diesem Werk muss man die Todesnähe spüren!" (Ljubiša Tošić / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.1.2010)