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Brasilianischen Friedenssoldaten helfen in Port-au-Prince Erdbebenopfern, die auf der Straße schlafen. Die internationale Hilfe trifft erst langsam im Katastrophengebiet ein.

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Eine Frau steht auf den Überresten ihres Hauses.

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Überlebende der Katastrophe warten vor dem ebenfalls zerstörten Präsidentenpalast.

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Auch Mitarbeiter der UNO sind unter den Toten.

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Grafik: APA

Port-au-Prince/Wien - Nach dem schweren Erdbeben läuft die internationale Hilfe für Haiti nur schleppend an. Während in der verwüsteten Hauptstadt Port-au-Prince tausende verletzte Menschen ums Überleben kämpfen, kommen die ersten Rettungsteams meist nur auf Umwegen ans Ziel - und finden unfassbares Leid und Elend vor. Tausende Menschen werden noch unter den Trümmern vermutet, Haitis Regierung spricht von bis zu 100.000 Toten. Im zerstörten Gebiet kommt es bereits zu Plünderungen.

Die Beisetzung von Erdbebenopfern in Massengräbern wird vorbereitet. Vor der Leichenhalle des Zentralkrankenhauses von Port-au-Prince trugen Soldaten der UNO-Friedenstruppe mehrere hundert Tote zusammen.

US-Außenministerin Hillary Clinton verglich die Katastrophe mit dem Tsunami, der Weihnachten 2004 Asien heimgesucht hatte. Bei der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" rechnet man bereits mit dem größten internationalen Hilfseinsatz nach einer Naturkatastrophe seit dem verheerenden Seebeben mit rund 230.000 Todesopfern.  Die US-Regierung gibt, wie auch die Weltbank, 100 Millionen Dollar Finanzhilfen frei. Knapp 6000 Soldaten und mehrere Schiffe sind Richtung Port-au-Prince unterwegs. US-Präsident Barack Obama hat seine Vorgänger Bill Clinton und George W. Bush gebeten, die Hilfe zu organisieren.

EU-Ratsvorsitzender José Luis Rodríguez Zapatero forderte die EU-Staaten bei seinem Wienbesuch zu rascher Hilfe auf. EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton sagte am Donnerstag vor der Presse in Brüssel, es gebe "zahlreiche EU-Bürger, die vermisst werden" . Eine genaue Zahl könne sie nicht nennen. Österreich stellt Soforthilfe und Material im Wert von 700.000 Euro zur Verfügung. Am Donnerstag startete der ORF die Aktion "Nachbar in Not - Erdbeben Haiti" .

Drei Millionen Menschen betroffen

Etwa drei Millionen der neun Millionen Einwohner Haitis sollen in Not sein. Zwei Millionen Kinder sollen einer akuten Gefahr durch körperliche Verletzungen, der Trennung von den Familien und psychischen Traumatisierungen ausgesetzt sein.

In der Stadt herrschen chaotische Zustände. Überlebende versuchten weiter mit bloßen Händen, Verschüttete aus den Trümmern zu retten. Auf den Straßen lagen Tote. Unter den Toten ist auch eine 61-jährige gebürtige Österreicherin, die seit vielen Jahren auf der Insel lebte und mit einem Haitianer verheiratet war.

Hilfsorganisationen schockiert

Die Hilfsorganisationen zeigen sich angesichts des Ausmaßes des Desasters schockiert. Das haitianische Rote Kreuz erklärte, seine Organisation sei zwar gewohnt, mit Katastrophen in derart verarmten Ländern umzugehen. Das Desaster in Haiti habe die Organisation jedoch überwältigt. Von den neun Millionen Einwohnern Haitis sind drei Millionen Menschen auf Hilfe angewiesen, wird geschätzt. "Es gibt einfach zu viele Menschen, die Hilfe benötigen", so ein Sprecher. Außerdem gebe es keine Medizin mehr. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen erklärte, ihre drei Krankenhäuser auf Haiti seien durch das Beben sehr stark beschädigt worden. Daher müssten die Verletzten jetzt in Notunterkünften behandelt werden.

UNICEF warnt vor Epidemien

Das UN-Kinderhilfswerk UNICEF betonte, vor allem die Kinder vor Ort müssen so rasch wie möglich vor Hunger und Krankheiten geschützt werden. UNICEF warnt vor dem Ausbruch von Epidemien. Viele Kinder sind verzweifelt und stehen unter Schock. Bereits vor der Naturkatastrophe waren rund ein Viertel der Kinder unterernährt und sind jetzt besonders gefährdet. Etwa die Hälfte der betroffenen Bevölkerung ist unter 18 Jahren; die meisten leben in extremer Armut.

Überlebender aus Trümmern von UN-Gebäude geborgen

Aus den Trümmern der erdbebenzerstörten UNO-Gebäudes in Haiti ist am Donnerstag ein erster Überlebender geborgen worden. UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon nannte die Rettung des Sicherheitsbeamten "ein kleines Wunder". Insgesamt 22 UNO-Mitarbeiter seien tot aufgefunden worden, rund 100 würden noch unter den Trümmern vermutet. Weitere 50 hätten sich zum Zeitpunkt des Erdbebens nicht in dem Hauptquartier der UNO-Mission in der Hauptstadt Port-au-Prince aufgehalten, würden aber ebenfalls vermisst.

Unter den Todesopfern ist auch der 63-jährige Erzbischof Joseph Serge Miot. Senatspräsident Kelly Bastien wurde im Parlamentsgebäude verschüttet, konnte aber gerettet werden und wurde in ein Krankenhaus der benachbarten Dominikanischen Republik gebracht. Auch das Hauptgefängnis von Port-au-Prince stürzte ein. Mehrere Gefangene sollen geflohen sein.

USA erwägen Nutzung von Guantanamo

Die USA werden möglicherweise ihren umstrittenen Militärstützpunkt Guantanamo für die Haiti-Hilfe zur Verfügung stellen. Der auf der Nachbarinsel Kuba gelegene Stützpunkt sei eine "Ressource, die wir bei Bedarf einsetzen können", sagte der Chef des US-Südkommandos, Douglas Fraser, am Mittwoch (Ortszeit) bei einer Pressekonferenz in Washington.

Nach Einschätzung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) ist ein Drittel der neun Millionen Einwohner dringend auf Hilfe angewiesen. Die US-Regierung sagte dem Land massive Unterstützung zu. Gouverneur Arnold Schwarzenegger teilte am Mittwoch mit, dass eine für Katastrophenfälle ausgebildete 70-köpfige Spezialeinheit für den Einsatz bereitsteht.

Auch die EU stellte Soforthilfen in Höhe von mehreren Millionen Euro zur Verfügung. Die Weltbank kündigte an, mit zusätzlichen 100 Millionen Dollar (68,7 Mio. Euro) zu helfen. Zudem werde die Einrichtung eines speziellen Wiederaufbau-Fonds in Erwägung gezogen, der dabei helfen könne, Spenden zu koordinieren.

FBI warnt vor betrügerischen Spenden-Aufrufen

Die US-Bundespolizei FBI hat unterdessen zur Vorsicht bei Spenden über das Internet aufgerufen. Wie schon bei Naturkatastrophen in der Vergangenheit müsse mit Betrügern gerechnet werden, die Not und Spendenbereitschaft in krimineller Absicht ausnutzen, erklärte das FBI. Persönliche Daten oder Bankdaten sollten nicht preisgegeben werden. Internetnutzer sollten sich bemühen, die Rechtmäßigkeit karitativer Organisationen und deren Spendenaufrufe möglichst genau zu prüfen. Außerdem warnte das FBI davor, Weblinks oder E-Mail-Anhänge zu öffnen, weil auf diese Weise Computerviren verbreitet werden könnten. Der Internetdienst Twitter etwa wurde am Mittwoch nach dem Erdbeben mit Spendenaufrufen für Haiti regelrecht überschwemmt.

Musiker gründet Hilfsorganisation

Zahlreiche Schauspieler und Musiker sagten am Mittwoch Spendenaktionen ihre Unterstützung zu. Der aus Haiti stammende Hip-Hop-Star Wyclef Jean bat um sofortige Hilfe für die Opfer der Erdbebenkatastrophe in seinem Geburtsland. Unterstützt wird der 40-jährige Musiker von den Schauspielern Angelina Jolie und Brad Pitt, die am Mittwoch ihre "tiefe Bestürzung" über die schlimme Lage in Haiti äußerten. Auch die Schauspieler Lindsay Lohan, Jessica Alba und Ben Stiller appellierten an ihre Fans, über die von Wyclef Jean gegründete Hilfsorganisation "Yele Haiti" und andere Organisationen für die Opfer zu spenden.

Nach Aufzeichnungen der US-Erdbebenwarte USGS hatte das Beben am Dienstag kurz vor 17.00 Uhr Ortszeit (23.00 Uhr MEZ) begonnen, das Epizentrum lag nur 15 Kilometer von Port-au-Prince entfernt. Das Land liegt im kleineren westlichen Teil der zu den Großen Antillen gehörenden Karibik-Insel Hispaniola. (APA/Reuters/red)