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"Wenn ich auf einen Städtetag fahre, dann sagen die Kollegen: 'Oje, du armer Bürgermeister, du kommst aus Traiskirchen.'" (Foto: Fritz Knotzer auf einem Wahlplakat von 2005)

Foto: Foto: APA/Pfarrhofer

Wer behaupte, in der Traiskirchener Betreuungsstelle hätten 1000 Asylsuchende Platz, sei "nichtsahnend" und ein "Unmensch", sagt der dortige Bürgermeister Fritz Knotzer (SPÖ). Der Stadtchef hält wenig von Volksbefragungen über Erstaufnahmezentren, weil er "weiß, dass 80 Prozent dagegen sind". Dass seine Kampagne für eine Sperre des Traiskirchener Lagers nur von einem Viertel der BewohnerInnen unterstützt wurde, interpretiert er dennoch als breiten Rückhalt für sein Vorhaben. Im März stellt sich Knotzer wieder zur Wahl. Maria Sterkl hat ihn zu seinen Vorstellungen befragt.

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derStandard.at: Herr Knotzer, sind Sie stolz darauf, dass sich die größte Erstaufnahmestelle des Landes in Ihrer Gemeinde befindet?

Knotzer: Stolz? Nein. Wieso sollte ich stolz sein?

derStandard.at: Ein Bürgermeister könnte sich doch damit schmücken: Traiskirchen sei eine soziale Stadt, wo Menschen eine Chance auf Schutz vor Verfolgung bekommen.

Knotzer: Das ist die Linie des STANDARD, aber nicht meine. Wir tragen seit 50 Jahren die Last Österreichs.

derStandard.at: Welche Last meinen Sie?

Knotzer: Ich verbringe ein Viertel meiner Arbeitszeit mit der Betreuungsstelle - Einreichung von Schutzzonen, 14-tägige Sicherheitsbesprechungen, baubehördliche Vorschriften, feuerpolizeiliche und gewerbliche Dinge. Außerdem liegen drei Schulen und ein Kindergarten zwischen Lager und Bahnhof. Und da gibt's natürlich mit den Müttern und Kindern tägliche Begegnungen und Probleme.

derStandard.at: Welche Probleme?

Knotzer: Belästigungen, eindeutige Gesten, Anpöbeln. Vor allem von Frauen. Von den 250 Afghanen sind ja 230 Männer, die meisten zwischen 15 und 30 Jahren und alleinstehend.

derStandard.at: Derzeit sind etwa 700 Menschen im Lager. Das ist vergleichsweise wenig - vor vier Jahren waren es doppelt so viele.

Knotzer: Das Lager ist für 300 bis 500 Leute konzipiert.

derStandard.at: Im Erstaufnahmezentrum selbst heißt es, die Kapazität liege bei 1000 Menschen.

Knotzer: Das sagen irgendwelche nichtsahnende, unzuständige Personen. Das sind Unmenschen, die das sagen. Die pferchen 40 Leute in ein 50-Quadratmeter-Zimmer. Wenn ich Massenquartiere haben will, dann habe ich aber auch alle Nachteile und Konflike eines Massenquartiers. Wir haben die Vereinbarung, dass es nicht mehr als 500 sein sollen. Bis jetzt haben wir aber toleriert, dass es mehr waren, weil wir gesehen haben, dass die Regierung in der Asylpolitik nichts zusammenbringt.

derStandard.at: Was würden Sie sich von der Regierung erwarten?

Knotzer: Die Innenministerin sollte sich überlegen, dass die Dublin-Fälle auch auf die Bundesländer aufgeteilt werden können. Dann haben wir vielleicht 20 neue Fälle in Traisirchen pro Woche. Und in allen anderen Lagern auch jeweils 20.

derStandard.at: Auch die Innenministerin will ein weiteres Lager eröffnen, um Traiskirchen zu entlasten.

Knotzer: Ja, da bin ich auch dafür. Aber nicht mit dieser Vorgangsweise. Mir tut ja fast der Bürgermeister von Eberau leid, der sich da hineintheatern hat lassen. Wenn ich so arbeiten würde, hätten mich die Traiskirchner schon vor 20 Jahren abgewählt. Wir haben uns immer gewehrt, wenn wir gesehen haben, dass da untragbare Zustände entstehen. Zum Beispiel, wie die Betreuung privatisiert worden ist: Jetzt kommen ja nur noch Hilfskräfte zum Einsatz, die von Völkerkunde keine Ahnung haben. Denn heute muss man ja völkerkundlicher Experte sein, weil ein Iraner, ein Iraker oder ein Türke kann ja auch ein Kurde sein. Und dass sich die Tschetschenen und die Afghanen nicht vertragen, ist ja auch allgemein bekannt.

derStandard.at: Die Innenministerin hat gemeint, es schmerze sie, dass mit dem Thema Erstaufnahmestelle so umgegangen wird, als handle es sich um eine Sondermülldeponie. Verstehen Sie das?

Knotzer: Nein, da müssen sie die Minsterin fragen. Ich weiß nicht, was sie damit meint. Traiskirchen trägt die Last seit 50 Jahren, und die Bevölkerung hätte es verdient, einmal für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen zu werden.

derStandard.at: Sie sprechen von Last. Die Minsterin hingegen lobt die wirtschaftlichen Vorteile eines Asylzentrums - immerhin finden im Flüchtlingslager auch Traiskirchner Arbeit.

Knotzer: Die Frau Innenminister arbeitet mit falschen Zahlen. Die Nachteile überwiegen die Vorteile. Wenn wir heute in unserem Geschäftszentrum einen neuen Betrieb ansiedeln wollen, dann muss ich den Unternehmer überzeugen, dass Traiskirchen ungefährlich ist, dass man hier nicht vergewaltigt oder überfallen wird, dass hier nicht mehr oder weniger gestohlen wird als in anderen Gemeinden. Wenn ich heute auf einen Städtetag fahre und die Kollegen schauen auf mein Namenstaferl, dann sagen sie: Oje, du armer Bürgermeister, du kommst aus Traiskirchen.

derStandard.at: Dabei sind Sie gar nicht so arm?

Knotzer: Naja. Man hat sicherlich mit der Betreuungsstelle viel zu tun, das habe ich ja schon erwähnt.

derStandard.at: Aber Geschäftsleute sollten sich nicht abschrecken lassen...

Knotzer: Wir haben sehr gute Buschenschenken in der Region. Da haben wir viele Stammgäste von auswärts, und die sagen: Wir wissen eh, bei euch ist es ungefährlich. Aber Neue sagen: Das haben wir gar nicht gewusst, dass uns da nix passiert.

derStandard.at: Eingangs meinten Sie aber, dass es nicht ganz so ungefährlich ist: Frauen würden belästigt.

Knotzer: Ja, das habe ich doch gesagt.

derStandard.at: Aber was stimmt denn nun? Völlig ungefährlich oder doch gefährlich?

Knotzer: Da müssen Sie halt einmal nach Traiskirchen fahren, damit Sie sich auskennen und wissen von was ich red'. Wenn in die Badner Bahn drei junge Frauen einsteigen und dann steigen zehn Tschetschenen ein, dann fühlen sich die Frauen unsicher. Darum habe ich verlangt, es müssten mehrmals am Tag Zivilpolizisten die Bahn begleiten, um Belästigungen hintan zu halten. Es kann ja nicht so weiter gehen, dass sich unsere jungen Frauen nicht mehr mit der Bahn fahren trauen.

derStandard.at: Glauben Sie, dass es auch auf der anderen Seite Belästigungen gibt - dass auch TraiskirchnerInnen Asylsuchende anpöbeln?

Knotzer: Die beschweren sich bei mir nicht, das weiß ich nicht, da hab ich keinen Kontakt.

derStandard.at: Tragen Sie nicht auch Verantwortung für das schlechte Image Traiskirchens? Sie betonen ja selbst immer wieder die Probleme, legen den Fokus auf die Nachteile des Lagers.

Knotzer: Die Medien berichten ja nur über die negativen Dinge. Wenn es eine Schlägerei im Lager gibt, wird berichtet. Das kann ich ja nicht verhindern.

derStandard.at: Die Innenministerin will Asylsuchenden im Zulassungsverfahren verbieten, das Lager zu verlassen. Wird das die Sicherheit erhöhen?

Knotzer: Traiskirchen ist als Kadettenschule gebaut worden, ich glaube nicht, dass man das zu einem Gefängnis umbauen kann. Ob man die Dublin-Fälle ein Monat festhalten kann, müssen Juristen beurteilen. Ich glaube aber, das ist eher ein Ablenkungsmanöver der Ministerin, um die Eberauer zu beruhigen, nach dem Motto: "Schaut's her, die werden eh alle eingesperrt." Wenn ich das nur aus Traiskirchner Sicht sehe, bringt das keine Entlastung.

derStandard.at: Vor sieben Jahren haben Sie in Traiskirchen Unterschriften gesammelt - für eine Sperre des Lagers. Wie viele Menschen haben unterschrieben?

Knotzer: Das waren 4000.

derStandard.at: Das sind 25 Prozent der Wohnbevölkerung. Ein breiter Rückhalt ist das nicht unbedingt.

Knotzer: So sehen Sie es.

derStandard.at: Sie nicht?

Knotzer: Nein.

derStandard.at: Sind Sie optimistisch, dass sich nach dem Eberau-Wirbel noch ein Ort fürs dritte Erstaufnahemzentrum finden wird?

Knotzer: Die Burgenländer können sich die Volksbefragung ersparen, weil das weiß ich jetzt schon, dass mindestens 80 Prozent dagegen sind. Mit Volksbefragungen wird es nirgends eine Zustimmung geben.

derStandard.at: Ihre Partei, die SPÖ, fordert aber verbindliche Volksbefragungen.

Knotzer: Okay, aber dann müssen sie auch überlegen, wie sie weitertun. Es wird immer eine Mehrheit dagegen sein.

derStandard.at: Macht die SPÖ hier einen Fehler?

Knotzer: Wenn wir in Traiskirchen vor die Wahl gestellt werden, ob wir ein neues Zentrum haben wollen, würde ich auch das Volk befragen. Aber ich brauch kein Volk befragen, weil ich eh weiß, dass 80 Prozent dagegen sind.

derStandard.at: Wohin soll dann das dritte Zentrum kommen, wenn es keiner will?

Knotzer: Dann muss man eben ein zehntes Bundesland schaffen, das Niemandsland, und dort kann man es hingeben. (derStandard.at, 15.1.2010)