Noch tut José Manuel Barroso alles, um den Eindruck zu erwecken, dass bei der Anhörung seiner Kommissarskandidaten im EU-Parlament alles im grünen Bereich verlaufe. Es gebe keine Stellungnahme zum Fall der Bulgarin Rumiana Jeleva. Der Präsident der EU-Kommission habe Vertrauen "in alle Kandidaten", lässt Barroso seine Sprecherin wie ein Mantra verkünden.

Das wird er nicht mehr lange durchhalten können. Selbstverständlich sind die Vorwürfe, wonach die designierte Kommissarin für humanitäre Hilfe bei der Darstellungen ihrer persönlichen Finanzverhältnisse möglicherweise getrickst habe, noch nicht ausreichend geklärt. Was bisher von ihr selbst dazu gesagt wurde, reicht sicher nicht aus, um die Zweifler in den Parlamentsfraktionen milde zu stimmen. Die wollen sich nicht damit abspeisen lassen, dass nationale Behörden angeblich alles geprüft und für gut befunden haben. Also drohen sie damit, im Zweifel die gesamte Kommission abzulehnen.

Anders geht es nicht. Die EU-Abgeordneten können laut EU-Vertrag nicht anders. Einzelne Kommissare können sie nicht zu Fall bringen. Also ist nur logisch, dass Barroso letztlich in den Konflikt auch persönlich eingreifen und eine Entscheidung herbeiführen muss. Er hat zwei Möglichkeiten: Er gibt eine pauschale Ehrenerklärung für Jeleva ab und riskiert, selbst angepatzt zu werden, oder er fordert von Bulgarien Ersatz an. In jedem Fall riskiert er, dass der Zeitplan zur Kommissionswahl am 26. Jänner platzt. (Thomas Mayer/DER STANDARD, Printausgabe, 15.1.2010)