Wie einer aus Penzing auszog, um (k)ein Filmheld zu werden: Wolfgang Böck als "Johnny Ritter", hinter ihm Gerti Drassl

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Wien - Peter Turrinis Traumlustspiel "Die Liebe in Madagaskar", vor bald zwölf Jahren am Wiener Akademietheater uraufgeführt, enthält eine bezaubernde Liebeserklärung an alle, die den Gesellschaftsvertrag mit der Wirklichkeit aufkündigen. Ein zur Ruine erstarrter Vorstadtkinobesitzer träumt von der Flucht nach Cannes: Seine Jugendbekanntschaft Klaus Kinski hat ihm ins Ohr geflüstert, an die Croisette zu reisen, um dort einen namhaften Geldbetrag für ein Filmprojekt in Empfang zu nehmen.

Im Wiener Stadttheater Walfischgasse, für das Turrini sein Stück deutlich verschlankt und präzisiert hat, herrschen zwangsläufig intime Verhältnisse. Regisseur Peter Patzak, selbst ein verdienter Magier des Lichtspieltheaters, projiziert ohne Unterlass Schwarz-Weiß-Bilder an die Wand: Die Erinnerungen an das Breitenseer Kino werden von der wie erstarrten Pracht der Côte d'Azur überblendet.

Patzaks Arbeit als sein eigener Bühnenbildner ist ein Triumph: Er übersetzt das malerische Gleiten von Turrinis Fluchtfantasie in ein schattenhaftes Bilderdämmern, in dem Menschen nur noch wie Gespenster auftauchen. Die ungehört bleibende, laute Kehrseite von Turrinis herbstlicher Elegie ist ein unterdrückter Not- als Protestschrei: Unsere Gesellschaft verwertet zwar die Arbeitskraft der Menschen. Nur deren Sorgen, das Leid all der Unnützen und "Unproduktiven", erstattet sie ihren Stiefkindern, den schmählich Behandelten wie Johnny Ritter (Wolfgang Böck), bereitwillig zurück.

Böck aber gibt den von Anfang an Zerbrochenen: Die schweren Gesichtszüge hängen, die Schlucke aus Achtelglas und Doppler sind reine Notwehrakte. Das Problem dieser Inszenierung liegt in ihrer Erkenntnishaftigkeit: Jede Fluchtbewegung führt absehbar in die Lächerlichkeit. Böck wird im Grande Hotel in Cannes von einer aufdringlichen Mithörerin (Josefstadt-Star Gerti Drassl) auf seinem Zimmer heimgesucht: Sie wünscht, "in seinem Film" besetzt zu werden. Die herb-zarte Drassl wirft ihr Haar und zerrt am kleinen Schwarzen.

Wo bleibt die Rebellion?

Prompt zeichnet sich auf Böcks Antlitz ein namenloses Grauen ab: Er könnte die (vielleicht zu jung besetzte) Stalkerin im Sturm nehmen. Er könnte die letzten Kräfte mobilisieren: das lästige Kinski-Gespenst aus seinem Ohr vertreiben; das Prostataleiden vergessen; das Filmskript, das er stockend erfunden hat (eben eine Liebe in Madagaskar), an Ort und Stelle in die Tat umsetzen.

Da Böck sich aber jeder Verabreichung einer Mutinjektion verweigert, wird eine gut eineinhalbstündige, gewiss hoch anständige Produktion zum Belastungstest für die Zuschauer: Johnny, Turrinis verdämmernder Kintop-Rebell, spielt nicht auf! Er gibt den Kampf verloren - er war vielleicht nie weg. Trotzdem viel Zustimmung für alle Beteiligten. (Ronald Pohl/ DER STANDARD, Printausgabe, 15.1.2010)