Innsbruck - Er habe am Donnerstag um halb sechs Uhr in der Früh im Radio von den sterbenden Schweinen im Schnee gehört, erzählt Nikolaus Kulmer von der "Tier-WG". Und egal, worum es da genau gehe, Tierquälerei sei "immer schrecklich". Kulmer setzte sich also ins Auto und startete von der Steiermark in Richtung Ötztal, "Aktionen" seien geplant. Auch Vertreter von Vier Pfoten fuhren noch am Donnerstag ins Ötztal.

Denn im hintersten Winkel des Ötztales, in Vent, weitab vom Touristentrubel auf 1900 Meter, arbeitet Hermann Brugger vom Institut für alpine Notfallmedizin in Bozen mit seinem Forscherteam. Seit Montag werden Schweine im Schnee vergraben. "Die Schweine kommen bereits sediert vom Bauern", erklärt Brugger: "Sie leiden sicher nicht." Die Wissenschafter wollen Stoffwechselveränderungen von in Lawinen Verschütteten erforschen: Der Stoffwechsel von Schweinen ist dem des Menschen sehr ähnlich. Um Tierversuche käme man daher leider nicht herum, eine Lawinensituation könne nicht in den vier Wänden simuliert werden, sagt Brugger.

Die Schweine werden narkotisiert im Schnee vergraben. Über Sonden messen die Forscher, wie lange die Tiere unter dem Schnee überleben. Gemessen werden Unterkühlung, Sauerstoffgehalt des Blutes und Kohlendioxid-Ausstoß. Das Experiment ist von der Tierethikkommission genehmigt, ein Mitglied der Kommission sei erst am Mittwoch vor Ort gewesen und habe das Versuchssetting für zulässig befunden.

Insgesamt sind 29 Schweine für das Lawinen-Experiment vorgesehen. Die Anliegen der Tierschützern kann Brugger nachvollziehen, aber: "Wir messen, um Leben zu retten." Die Erkenntnisse aus den Versuchen sollen eine bessere medizinische Versorgung von Lawinenopfern ermöglichen.

Aus Angst vor gewalttätigen Protesten radikaler Tierrechtler hat die Uni den Versuch schließlich gestoppt. Wie der Rektor der Med-Uni, Professor Herbert Lochs, Donnerstagnachmittag im ORF sagte, sei die sichere Durchführung des Projekts derzeit nicht mehr gewährleistet. Ob der Versuch überhaupt zu Ende geführt wird, ist laut Lochs derzeit offen.

Unterdessen wird im Internet gegen die Region gewettert. "Wir können für viel etwas, aber wir können sicher nichts für diese Tierversuche mit den Schweinen in Vent", erklärt Oliver Schwarz vom Tourismusverband. (Verena Langegger, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15. Jänner 2010)