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Die Vereinten Nationen und Hilfsorganisationen warnten am Donnerstag, die Versorgung der Überlebenden sei eine "große logistische Herausforderung". Schätzungen zufolge sind rund drei Millionen Menschen von der Katastrophe betroffen.

Foto: AP/Miami Herald/Farrell

Am dritten Tag nach dem schweren Erdbeben wachsen in den betroffenen Gebieten in Haiti Unmut und Verzweiflung. Während am Flughafen der Hauptstadt Port-au-Prince internationale Hilfe im Minutentakt eintraf und zu logistischen Problemen führte, gruben die Menschen vielerorts weiterhin mit bloßen Händen in den Trümmern nach Opfern. Nach Schätzungen des Roten Kreuzes muss mit 40.000 bis 50.000 Erdbeben-Toten gerechnet werden.

"Wenn die internationale Hilfe nicht kommt, wird sich die Lage schnell verschlimmern", sagte ein Überlebender in Port-au-Prince. "Wir brauchen dringend Wasser und Lebensmittel." Ein anderer klagte: "Wir hören im Radio, das Rettungsteams von außen kommen, aber nichts kommt. Wir haben nur unsere Finger zum Graben." Verärgert rief ein Mann: "Mehr Ärzte, weniger Journalisten."

Immer wieder waren in den Straßen von Port-au-Prince am Freitag auch Schüsse zu hören, Tumulte brachen aus, als ein Hubschrauber Nahrungsmittel über der Stadt abwarf. Augenzeugen hatten angeblich auch von Plünderungen der Lagerhäuser des Welternährungsprogramms (WFP) der UNO berichtet, die Organisation hat entsprechende Meldungen jedoch dementiert. "Wir haben dort 6.000 Tonnen Nahrungsmittel, die vom brasilianischen Militär geschützt werden", zitierte die Nachrichtenagentur Reuters WFP-Sprecherin Caroline Herford am Freitag in London.

Lazarett im Stadion geplant

Um die Menge der Verletzten medizinisch versorgen zu können, wollen die Vereinten Nationen im nationalen Fußballstadion des Landes ein Lazarett einrichten. "Wir prüfen diese Möglichkeit zusammen mit den haitianischen Behörden, um den internationalen Ärzteteams Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen", sagte UN-Nothilfekoordinator John Holmes am Freitag in New York. Höchste Eile sei geboten: "Viele Überlebende haben schwerste Verletzungen, komplizierte Brüche und zerschmetterte Gliedmaßen."

Ein zwölfköpfiges Spezialistenteam der Weltgesundheitsorganisation WHO solle sich deshalb, unterstützt von anderen Gruppen wie "Ärzten ohne Grenzen", um die schwersten Fälle kümmern. Nach Angaben des Untergeneralsekretärs für humanitäre Angelegenheiten sind derzeit 25 Rettungsteams in Haiti im Einsatz, vor allem an Krankenhäusern, Schulen, Hotels und anderen großen Gebäuden. 13 weitere Teams seien auf dem Weg.

Die Verzweiflung richtete sich auch gegen die Regierung: "Wir haben keinerlei Führung", rief eine Frau. Diese ist wegen der Zerstörungen nahezu regierungsunfähig. Das Erdbeben hat nach Angaben des haitianischen Botschafters in Deutschland, Jean Robert Saget, auch mehrere Minister der Karibik-Republik das Leben gekostet. Mehrere Ministerien seien eingestürzt, darunter das Außenministerium. Womöglich sei das Parlament ebenfalls zerstört. Viele Mitarbeiter der Regierung hätten den Tod gefunden, es gebe jetzt ein "Personalproblem".

Straßensperren aus Toten

Aus Wut über die ausbleibende Hilfe haben einige Haitianer einem Augenzeugen zufolge Straßensperren mit den Leichen der Opfer errichtet. Der Fotograf Shaul Schwarz vom Magazin "Time" sagte der Nachrichtenagentur Reuters am Donnerstag: "Sie haben angefangen, die Straßen mit Leichen zu blockieren." Er habe in der Hauptstadt Port-au-Prince an mindestens zwei Stellen Barrikaden aus Toten und Steinen gesehen. "Es wird langsam hässlich da draußen", sagte Schwarz. "Die Leute haben es satt, dass ihnen nicht geholfen wird."

Am Flughafen von Port-au-Prince traf zwar im Minutentakt internationale Hilfe ein, massive logistische Probleme erschwerten jedoch die Arbeit. Infrastruktur und das Kommunikationsnetz wurden beinahe völlig zerstört, es gab kaum Ansprechpartner und viele Rettungsteams saßen am Flughafen oder auf dem Weg nach Port-au-Prince fest. Der Luftraum über Haiti war am Freitag überfüllt. Ein US-Militärflugzeug und zehn zivile Flugzeuge kreisten über der Hauptstadt und warteten auf freie Landebahnen. Den USA wurde erlaubt, auch den Luftraum über Kuba zu nutzen.

Logistische Herausforderung

Die Vereinten Nationen und Hilfsorganisationen warnten am Donnerstag, die Versorgung der Überlebenden sei eine "große logistische Herausforderung". Schätzungen zufolge sind in dem bitterarmen Staat rund 3,5 Millionen Menschen von der Katastrophe betroffen. Allein die Hauptstadt Port-au-Prince hat 2,8 Millionen Einwohner, wie das UNO-Büro für humanitäre Angelegenheiten (OCHA) am Freitag in Genf mitteilte. Insgesamt lebten 3,5 Millionen Menschen in dem Gebiet, das von den "starken Erdstößen" erschüttert wurde.

In Port-au-Prince seien ersten Schätzungen zufolge zehn Prozent der Häuser zerstört worden, rund 300.000 Menschen hätten ihr Obdach verloren. In manchen Gegenden seien sogar die Hälfte der Häuser eingestürzt oder schwer beschädigt, berichtete die UN-Mission in Haiti nach einem Rundflug über das Erdbebengebiet. Neben Port-au-Prince habe es auch in Jacmel im Süden des Landes und in Carrefour, einem Vorort der Hauptstadt, schwere Schäden gegeben.

Zerstörte Krankenhäuser

"Unsere Teams konnten bisher 1500 Patienten in Zelten notversorgen; es ist ein enormer Bedarf an chirurgischen Eingriffen, aber die Spitäler sind zum Großteil zerstört", sagt Irene Jancsy, Pressesprecherin von "Ärzte ohne Grenzen Österreich", im Gespräch mit derStandard.at. "Teile des Teams schauen sich derzeit in Haiti um, wo noch brauchbare Einrichtungen vorhanden sind und ein aufblasbares Krankenhaus ist auf dem Weg zur Insel - das sind sterile Zelte mit zwei Operationssälen und 100 Betten, die direkt in den Trümmern aufgestellt werden können und auch schon beim Erdbeben in Pakistan zum Einsatz kamen."

Durch die zerstörte Infrastruktur sei es derzeit äußerst schwierig, neue Hilfstrupps ins Land zu bringen, bestätigt Jancsy die offiziellen Berichte: "Von unseren sieben bereitstehenden Cargo-Flugzeugen konnte bisher nur ein einziges landen. Unsere Teams werden derzeit mit Spezialisten aufgestockt - 20 konnten wir schon ins Land bringen, 20 warten noch in Santo Domingo, 40 sollen in den nächsten Tagen eingeflogen werden." Das Problem: Der Flughafen von Santo Domingo erweist sich als Nadelöhr, da der Tower des Airports von Port-au-Prince beim Erdbeben schwer beschädigt wurde und alle Hilfslieferungen den Umweg über das Nachbarland nehmen müssen.

Keine Führung

Die Verzweiflung der Menschen richtet sich auch gegen die Regierung: "Wir haben keinerlei Führung", rief eine Frau. Diese ist wegen der Zerstörungen nahezu regierungsunfähig. Das Erdbeben hat nach Angaben des haitianischen Botschafters in Deutschland, Jean Robert Saget, auch mehrere Minister der Karibik-Republik das Leben gekostet. Mehrere Ministerien seien eingestürzt, darunter das Außenministerium. Womöglich sei das Parlament ebenfalls zerstört. Viele Mitarbeiter der Regierung hätten den Tod gefunden, es gebe jetzt ein "Personalproblem".

Kraftakt für den Wiederaufbau

Angesichts des Chaos stellten sich die USA an die Spitze der internationalen Hilfsmaßnahmen, deren Koordination die früheren US-Präsidenten Bill Clinton und George W. Bush übernahmen. US-Präsident Barack Obama sagte einen Kraftakt der USA für den Wiederaufbau zu. Für die Soforthilfe würden 100 Millionen Dollar (69 Millionen Euro) bereitgestellt. 5000 US-Soldaten bereiteten sich auf ihren Einsatz vor. Am Mittwoch hatten sich der Flugzeugträger "USS Carl Vinson" sowie Flugzeuge und Hubschrauber in Richtung Haiti in Bewegung gesetzt.

Die USA, Frankreich und einige andere Staaten wollen so schnell wie möglich eine internationale Wiederaufbau-Konferenz für Haiti organisieren. Wie der französische Präsidentenpalast in der Nacht auf Freitag mitteilte, einigten sich Staatschef Nicolas Sarkozy und US-Präsident Barack Obama auf eine entsprechende Initiative. Auch Brasilien, Kanada und andere direkt betroffene Länder seien bereits an den Vorbereitungen beteiligt. Sarkozy und Obama stimmten sich nach Angaben des Elysee bei einem Telefonat am Donnerstagabend auch über andere Hilfsmaßnahmen für das Erdbebengebiet ab.

Die zuständigen EU-Minister wollen am Montag bei einer Sondersitzung in Brüssel auch über eine dauerhafte Unterstützung des Karibikstaates sprechen, sagte ein Sprecher der EU-Kommission am Freitag. Dabei dürfte es auch um den Vorschlag von Nicolas Sarkozy gehen, eine internationale Wiederaufbau-Konferenz einzuberufen. Der österreichische Außenminister Michael Spindelegger wird an dem Treffen teilnehmen. "Das ist genau der richtige Rahmen, um über einen solchen Vorschlag zu reden", sagte der Sprecher. Sarkozy habe seine Initiative vor deren Veröffentlichung nicht mit der EU abgestimmt. Auch über Sarkozys Vorschlag, Haiti sämtliche Auslandsschulden zu erlassen, habe die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton aus der Zeitung erfahren. Ashton wird die Sondersitzung leiten.

 

Internationaler Hilfsappell

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon richtete einen dringenden Hilfsappell an die internationale Gemeinschaft. Die Grundversorgung mit Trinkwasser und Strom stehe kurz vor dem Zusammenbruch. Zehntausende Menschen leben demnach auf der Straße, viele weitere sind immer noch unter den Trümmern eingeschlossen. Laut der britischen Kinderhilfsorganisation Save The Children sind zwei Millionen Kinder akut gefährdet, viele seien verwaist oder schwer verletzt.

Nach der ersten Nothilfe würden nun Nahrung, Obdach und vor allem sauberes Wasser immer wichtiger. Noch seien die Vorräte begrenzt, doch seien große Mengen an Hilfsgütern unterwegs, sagte UN-Nothilfekoordinator John Holmes. So habe das Welternährungsprogramm (WFP) in El Salvador 86 Tonnen mit kalorienreichen Spezialkeksen gekauft, 15.000 Tonnen Lebensmittel wurden zugesichert. Jetzt werde allerdings auch die Steuerung der Hilfe immer wichtiger, sagte Holmes. "Frühere Katastrophen haben gezeigt, dass die Koordination entscheidend ist, wenn in der verfügbaren Zeit möglichst viele Menschen erreicht werden sollen. Wenn wir wirklich helfen wollen, müssen wir zusammenarbeiten."

Nothilfe

Die Gruppe der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G-20) kündigte "sofortige wirtschaftliche und materielle Hilfe" an. Der Internationale Währungsfonds (IWF) stellte eine Nothilfe von 100 Millionen Dollar bereit. Bereits am Vortag hatte die Weltbank eine Soforthilfe von 100 Millionen Dollar zugesagt.

Die internationale Gemeinschaft sagte bisher rund 268,5 Millionen Dollar (186,3 Millionen Euro) an Hilfen für die Erdbebenopfer zu, wie OCHA-Sprecherin Elisabeth Byrs sagte. Zu den wichtigsten Gebern zählen demnach die Weltbank (100 Millionen Dollar), Großbritannien (zehn Millionen), Australien (9,3 Millionen), Brasilien (fünf Millionen), Kanada (4,8 Millionen), Spanien (4,37 Millionen) und die Europäische Union (4,37 Millionen Dollar).

Weltbank will Wiederaufbaufonds einrichten

Die Weltbank will gemeinsam mit ihren Geberländern einen Fonds für die langfristige Hilfe beim Wiederaufbau des Landes einrichten. Damit sollten die Hilfen der Geberländer besser koordiniert werden, sagte Weltbankchef Robert Zoellick am Freitag auf einer Pressekonferenz mit dem deutschen Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) in Berlin. Über den Fonds könne bei der von Frankreich und den USA angeregten Wiederaufbaukonferenz für Haiti diskutiert werden, sagte Zoellick weiter.

Die Weltbank hatte zuvor bereits selbst Soforthilfen in Höhe von 100 Millionen Dollar für das bitterarme Land zugesagt, das durch das verheerende Erdbeben der Stärke 7,0 vor drei Tagen an den Rand des Abgrunds gedrängt wurde. Niebel sagte in Berlin, es sei wichtig, dass bei den Hilfen "sehr koordiniert" vorgegangen werde. So könnten etwa auch Fehler, die bei der Tsunami-Katastrophe in Asien 2004 begangen worden seien, vermieden werden. Damals hatten viele Staaten Gelder zugesagt, ohne sich ausreichend mit anderen Geberländern abzustimmen.

Lichtblick

Unterdessen hat inmitten der Trümmer und der vielen Toten ein Baby das Licht der Welt erblickt. Brasilianische Soldaten betätigten sich nur zwei Stunden nach dem verheerenden Beben am Dienstagnachmittag in einer Garage als Geburtshelfer, wie die staatliche brasilianische Nachrichtenagentur Agencia Brasil am Donnerstag meldete. Die Frau habe das Erdbeben zwar unbeschadet überstanden, durch das Beben seien allerdings vorzeitige Wehen ausgelöst worden. Seit der Geburt leide die Frau aber unter unstillbaren Blutungen und kämpfe um ihr Leben, sagte der Arzt Fabricio Almeida de Moura. Das Baby, ein kleines Mädchen, sei wohlauf. (APA)