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Lars Becker.

Foto: dpa/Jörg Carstensen

Roeland Wiesnekker und Oliver Stokowski (re.) gehen auf einen nicht ganz durchgeplanten Beutezug in "Nachtschicht", Montag, 20.15 Uhr, ZDF.

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STANDARD: Ein Überfall in einem Supermarkt, bei dem sich der Räuber beschwert, dass die Ware nicht angeschrieben ist. Wie kommt's zu solchen Ideen?

Becker: Ich war vor den Dreharbeiten im Supermarkt und stellte mir vor all den Waren die Frage: Was kostet der Kram eigentlich? Eine ganze Reihe von szenischen Ideen entstehen bei der Recherche an möglichen Drehorten.

STANDARD: Sie recherchieren vor Krimis?

Becker: Nicht für alle Figuren, aber für den Kern der Geschichte schon. Ich gehe in den Supermarkt, rufe die Feuerwehr an, bin mit Notärzten eine Nacht unterwegs. Ich zeige, was Menschen in ihren Berufsfeldern auszeichnet, was wir Außenstehende aber gar nicht bemerken. Das sind Identifikationsmuster: Der Verkäufer in einem Shop erlebt etwas jeden Tag, das muss nichts Verrücktes sein, ist aber genau die Szene. Es soll nicht arrogant klingen, aber viele von den Büchern, die ich über meine Agentur bekomme, haben die Lebendigkeit nicht, weil die Figuren nicht richtig erkannt worden sind. Da ist keine richtige Idee zu einer Legende oder zu einer Biografie haben. Das sind häufig grobe Drehbuchschwächen. Diese Kritik erlaube ich mir. 

STANDARD: Wie erreichen Sie die privaten Räume?

Becker: In die komme ich rein, indem ich mich für die Leute interessiere. Leute kennenzulernen ist spannend, denn man kennt sich selbst schon lang und gut. 

STANDARD: Im ZDF gibt es ein übergroßes Krimiangebot. Genau richtig oder zuviel?

Becker: Ich weiß nicht, ob es zu viele oder zu wenige sind. Aber es hat damit zu tun, dass im deutschsprachigen Raum der Krimi im Kino keine Tradition hat. Man spricht zwar vom Aufschwung des deutschen Kinos, ist auf den ersten Blick auch nicht unberechtigt. Aber bei genauerem Hinsehen sind es einige Großproduktionen. Eine Mittelklasse, wie es sie etwa in Frankreich gibt, ist nicht da. Das Genre Krimi ist komplett vom Fernsehen vereinnahmt worden. 

STANDARD: Was fasziniert Sie am Krimi?

Becker: Das Genre ist noch überhaupt nicht ausgereizt. Aktuelle politische Themen, Privates und komödiantische Aspekte lassen sich besonders im europäischen Krimi sehr gut erzählen. Weil wir nicht die Not haben in den Models des actiondominierten amerikanischen Thrillers mithalten zu müssen. Wir können euorpäische Geschichten erzählen, aber die Produzenten glauben nicht recht daran. Deshalb bleibt Krimi vorerst Fernsehsache.

STANDARD: Relevant für Fortsetzungen sind die Verkäufe. "Nachtschicht" müsste sich international gut verkaufen?

Becker: Wir haben ganz gute Auslandsverkäufe und haben Mehrfachspielungen im eigenen Sender durch die Digitalisierung. 

STANDARD: Was bringt die Digitalisierung dem Fernsehregisseur?

STANDARD: Nicht viel, weil meistens ist das in den Verträgen pauschal geregelt. Davon kann man essen gehen. Das ist aber okay.

STANDARD: "Nachtschicht" gehört zu den quotenstarken Krimis. Wie gehen Sie mit dem Druck um?

Becker: Ich verstehe, dass die Sender Quote haben wollen und habe Glück, dass Nachtschicht gute Quoten hat. Wenn aber die öffentlich-rechtlichen Sender ein anspruchsvolles Programm aufstellen sollten, sich in ihrer Entscheidung aber nur von der Projektionsfläche Quote abhängig machen - bis hin zur Besetzung, das passiert, ich weiß das von Kollegen - dann wird das Programm immer flacher.

STANDARD: Schauspieler schätzen Sie als Regisseur, weil Sie wähernd des Drehs um familiäre Atmosphäre bemüht sind?

Becker: Für mich ist das der bestmögliche Weg, ideenreich und kreativ zu arbeiten, wenn ich weiß, dass ich rundherum keine Troubles habe. Auch keine Leute, die unsicher sind, in dem was sie machen oder kein Teamwork wollen. Ich hatte bisher immer das Glück, dass ich nie mit solchen Schauspielern zusammen arbeiten musste, die ihre Starallüren pflegen und nicht kooperationsfähig sind.

STANDARD: Woher nehmen Sie das Feingefühl?

Becker: Privat kann jeder machen, was er will. Das will ich gar nicht so genau wissen. Das Getratsche der ganzen Branche kostet mir innerlich Lebenszeit. Das ist nervig und stört mich seit Jahren auch an der deutschen Filmakademie. Ich finde sportliche Konkurrenz super, aber mit dieser Art kann ich nichts anfangen. Da könnte man sich auch von den Franzosen etwas abschauen. Selbst wenn Sie keinen Preis gewonnen haben (zb. César) nehmen sie es sportlich, gratulieren dem Konkurrenten und gehen erst abends einen saufen. Ich mag es überhaupt nicht, wenn Schauspieler bei der Rolle hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt sind. 

STANDARD: Das Getratsche hilft aber insofern als man schon weiß, wer zu dieser Art von Schauspielern gehört?

Becker: Man weiß das sehr früh, hoffentlich noch vor dem Besetzen.

STANDARD: Planen Sie ein Ablaufdatum der "Nachtschicht"?

Becker: Ich drehe im Frühjahr einen neuen Fall. Es geht um Menschenhandel, wird kaum humorvoll. 

STANDARD: Wo haben Sie recherchiert? 

Becker: Von Deutschland über Tirol bis nach Italien. Wir drehen auch in Tirol.

STANDARD: Sie probieren sich in einer anderen Ästhetik?

Becker: Erstmal schaue und höre ich so alles, was auf dem Markt ist. Die Jahre der HipHop-Kultur haben das Sehen verändert. Der musikalische Rhythmus der Musikvideos hat sich auf die gesamte Ästhetik von Film und Fernsehen niedergeschlagen. Was ja auch gut ist. Viele Sachen kann man im Fernsehen jetzt machen, die kann im Kino nicht möglich wären. In welchen Größen und Schnelligkeit man Einstellungen wählt, wie man Porträts macht, wie dicht man inszeniert. 

STANDARD: Hollywood-Regisseure bevorzugen mitunter Fernsehen, weil sie die epische Länge einer Serie schätzen und andere Zugänge finden, um Geschichten zu erzählen.

Becker: Absolut. Sehe ich genauso. Die ideologisierten Kritiken im deutschen Feuilleton sind mir völlig unverständlich: Warum bloß spielt man das "abgrundtief schlechte Fernsehen" gegen das eigentlich völlig idealisieret Kino aus? Ich halte es für den größten Unsinn, es gibt viel Tolles im Fernsehen, und unendlich Lausiges im Kino. Es macht keinen Sinn, zu behaupten, nur ein paar Regisseure hätten sich gegen das beschissene Fernsehen behauptet. Nicht jeder Tatort ist gut, aber er ist ein Markenzeichen. 

STANDARD: Sind penibel recherchierte Serien wie "The Wire" oder "The Shield" Maßstäbe für Ihre Arbeit?

Becker: An "The Wire" und "The Shield" kann man sehen, wie viel Spannung und Interesse in Fernsehstücken steckt. Der Reportagestil ist schon eine Orientierung.

STANDARD: Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen Film- und Fernsehkrimi: Im Fernsehen wird der Mörder fast immer gefasst. Warum ist das so?

Becker: Ich weiß es nicht. Es ist Gesetz, das stimmt. Wenn nicht, meckern die Sender. (Doris Priesching, DER STANDARD; Printausgabe, 16./17.1.2010, Langfassung)