Kiew/Wien - Auch wenn die Industrieproduktion und die Exporte zuletzt leicht anzogen: Die Ukraine wurde von der Rezession weit stärker erwischt als vergleichbare Staaten. Um 14 Prozent dürfte die Volkswirtschaft 2009 geschrumpft sein, mehr als doppelt so stark wie ganz Osteuropa. Dass die Auswirkungen so dramatisch sind, hängt damit zusammen, dass Kiew neben der Rezession auch eine Schulden- und Staatskrise gewärtigt.

Bereits 2008 musste das Land wegen klammer Kassen den Internationalen Währungsfonds (IWF) zu Hilfe rufen. Der sprang zwar mit einem Paket über 16,4 Milliarden Dollar zur Seite, stoppte im November aber die Auszahlung der nächsten Tranche. Grund waren Differenzen über Einsparungen und Gaspreise, deren Anhebung der in Washington ansässige Fonds vorgibt.

Die Budgetlage eskaliert zusehend: Während die Einnahmen krisenbedingt um knapp zehn Prozent einbrachen, warf der Wahlkampf einen langen Schatten auf den Staatshaushalt: Diverse Zuckerln ließen die Ausgaben um rund acht Prozent steigen, geht aus vorläufigen Budgetdaten hervor. Besonders sauer stieß dem IWF die Erhöhung der Pensionen auf. Zurzeit finanziert sich das Land über die Zentralbank, die schon einmal die russischen Gaslieferungen bezahlen darf.

Dmitry Gourov, Analyst bei UniCredit, rechnet mit einer baldigen Freigabe der IWF-Tranche von 3,4 Milliarden Dollar nach den Wahlen. Für ihn sind die Spekulationen über einen Staatsbankrott unsinnig.

Einerseits, weil erst im Dezember dieses Jahres die nächste Staatsanleihe zurückzuzahlen sei, andererseits wegen der zwar schrumpfenden, aber nach wie vor hohen Reserven der Zentralbank im Volumen von 26,5 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: Vor einem Jahr verfügte die Notenbank noch über 31,5 Milliarden. Allerdings schätzen Ratingagenturen und Finanzmärkte die Ausfallgefahr der Ukraine nach wie vor als sehr hoch ein.

Banken-Schlamassel

Nach einem deutlichen Anstieg der Exporte und Industrieproduktion in den letzten Monaten hofft Gourov auf eine weit stärkere Erholung der Wirtschaft im laufenden Jahr als das zuletzt prognostizierte Plus von zwei Prozent. Vor allem die Stahl- und Chemieindustrie profitiere von der internationalen Nachfragebelebung.

Ein Sorgenkind des Landes bleibt der Finanzsektor, in dem Österreichs Banken stark engagiert sind. Die fahren ihr Engagement nun drastisch zurück: Raiffeisen International hat bereits ein Drittel des Personals abgebaut und mehr als 100 Filialen der Tochter Aval Bank geschlossen. Neben Geld aus Wien benötigte das Institut auch Finanzspritzen von der Welt- und der Osteuropabank. Auch UniCredit und Erste Group stehen auf der Bremse. Nicht gerade erleichtert wurde der Verbleib in dem Land durch Bestimmungen, wonach die Institute ihre Pfandrechte nicht ausüben dürfen, um Zwangsversteigerungen von Wohnungen zu verhindern. Bundespräsident Heinz Fischer hat die Neuerung bei seinem Besuch in Kiew kritisiert. Die Banken leiden unter dem hohen Bestand von Fremdwährungskrediten, die nach der Abwertung der Hrywnia um bis zu 70 Prozent zu einem großen Teil nicht mehr bedient werden konnten.

Internationale Institutionen schätzen den Anteil fauler Kredite in der Ukraine auf 25 bis 30 Prozent. Die Banken haben bisher lediglich zehn Prozent abgeschrieben. Osteuropabank und Weltbank glauben daher, dass dem Sektor noch harte Zeiten bevorstehen.

Andere Branchen könnten dagegen vom Aufschwung rasch profitieren. Österreichs Handelsdeligierter in Kiew, Gregor Postl, spricht von einem interessanten Zeitpunkt für den Markteinstieg. "An einem Land mit 45 Millionen Einwohnern kann man einfach nicht vorbeigehen" , meint er und verweist neben dem Risiko auf die hohen Gewinnchancen. Gerade im Immobilienbereich und bei der Infrastruktur - Stichwort Fußballeuropameisterschaft 2012 - bestehe Aufholbedarf. (as, ved/DER STANDARD, Printausgabe, 16.1.2010)