Pfoten kontrollieren, ins Maul und in die Ohren schauen, eine Minute ruhig sitzen oder liegen: So beginnt der Praxisteil des Hundeführscheins. Golden Retriever Ranja macht willig mit.

Foto: Matthias Cremer/Der Standard

Bei der Volksbefragung werden die Wiener entscheiden, ob Halter von "Kampfhunden" einen Führschein machen müssen. Der STANDARD hat die Prüfung in einem Wirtshaus in Floridsdorf mitgemacht.

Wien – Etwa einmal im Monat wird das Hinterzimmer des Gasthauses "Frohes Schaffen" in Wien-Floridsdorf zu Elisabeth Mannsbergers Arbeitsraum. Hierher bestellt sie die Prüflinge, die bei ihr den Wiener Hundeführschein machen wollen.

Frau Mannsberger ist Krankenschwester. 2006 machte sie bei der städtischen Tierschutzombudsstelle einen sechsmonatigen Kurs – "weil ich etwas tun wollte für das Miteinander in der Stadt". Seither steht sie auf der Liste der städtisch anerkannten Hundeführscheinprüfer.

Den Schein bekommt, wer eine Prüfung macht – Kurs gehört keiner dazu. Seit 2006 kann die Prüfung freiwillig abgelegt werden. Wer sie besteht, muss ein Jahr keine Hundeabgabe zahlen.

"Die Leute müssen hier nicht zu zwanzigst einen Kurs besuchen. Der Hund muss auch nicht perfekt bei Fuß gehen oder Platz machen. Sie müssen nur zeigen, dass sie ihren Hund verstehen und kennen. Wenn ich zum Beispiel weiß, mein Hund mag keine Kinder, dann muss ich einen Bogen um Schulen machen. So können viele Konflikte vermieden werden", erklärt Frau Mannsberger.

Um ihr Verständnis zu beweisen, sind Alexandra Rauscher mit Golden Retriever Ranja und Andreas Halwachs mit Beagel-Dame Selina ins "Frohes Schaffen" gekommen. Frau Rauscher möchte "eine Bestätigung, dass ich richtig mit dem Hund umgehe", Herr Halwachs hofft, "noch einige Tricks dazuzulernen". Probleme hat er mit Selina keine: "Sie ist die erste Frau, die auf mich hört."

Erst Theorie, dann Praxis

Zuerst wird der Wirtshaustisch zur Schulbank: die beiden müssen einen Multiple-Choice-Test ausfüllen. Aus einem Katalog mit 130 Fragen bekommen sie 30 vorgelegt, 26 müssen richtig beantwortet werden. Warum der Hund mit dem Schwanz wedelt, was man tut, wenn er ins Vorzimmer pinkelt oder wenn er beim Spazieren an Kot schnuppert, müssen sie anstreichen. Beide haben sich die Fragen vorab im Internet angesehen, Herr Halwachs besteht mit 30 Richtigen, Frau Rauscher antwortet 28-mal korrekt.

Dann geht es an den Hund: Es wird in Maul und Ohren geschaut, die Pfoten kontrolliert, der Beißkorb angelegt und eine Minute ruhig gesessen oder gelegen. Herr Halwachs hat statt eines Beißkorbs eine Maulbinde mitgebracht – und wird belehrt, dass diese nicht gesetzeskonform ist.

Schließlich kommt der Praxisteil: Verhalten beim Spaziergang in der Kleingartensiedlung. "Normalerweise trifft man hier auf verschiedene Herausforderungen wie spielende Kinder, Radfahrer oder andere Hunde", meint Frau Mannsberger. An diesem kalten Wintertag ist kaum jemand unterwegs. Ein einsamer Radfahrer fährt die Straße hinunter. Noch bevor Ranja und Selina kurzgenommen werden, macht er einen großen Bogen um die Hunde.

Am Endpunkt der Teststrecke, der S-Bahn-Station, nehmen Frau Rauscher und Herr Halwachs ihre Hunde gleich an die kurze Leine. Frau Mannsberger ist zufrieden, der Führschein bestanden. Theoretisch können Kandidaten auch durchfallen, praktisch ist das aber bei Frau Mannsberger noch nie vorgekommen. "Leute, die gar keine Ahnung haben, kommen nicht zu mir", meint sie.

Der Andrang ist nicht groß

Derzeit sei nicht viel los, auch im Dezember waren nur zwei da – "wegen der Sache in Niederösterreich". Ein Rottweiler hatte in Horn ein einjähriges Kind totgebissen. "Eine Dame war dabei, die einen Rottweiler hatte. Sie wollte beweisen, dass auch der ein Familienhund ist."

Jeder sollte einen Hundeführschein machen müssen, sind sich Prüflinge und Prüfer einig – die Rasse sei egal. "Es gibt keine gefährlichen Rassen, nur gefährliche Menschen", meint Herr Halwachs. Frau Mannsberger gibt ihm recht: "Auch kleine Hunde können beißen, vor allem für Kinder kann das gefährlich sein. Und ich ärgere mich auch, wenn ich in einen kleinen Haufen steige." (Tobias Müller, DER STANDARD Printausgabe, 16./17.01.2010)